Freitag, 27. Februar 2009

Zueignung

In der Erinnerung geweihtem Haine

Schwebt, leisen Flugs, vor mir ein göttlich Bild;

Ich seh' es nahn in seiner Himmelsreine,

Und schöner glänzt das liebliche Gefild.

Sie schwebt herab im goldnen Abendscheine,

Die herrliche Gestalt, elysisch mild;

Sie hebet still den zartgewobnen Schleier

Und rührt mit weicher Hand die heil'ge Leier.

 

Das war mein Wunsch: noch einmal, eh' die Wogen

Des Schicksals mich von dem geliebten Strand

Fern in des Lebens Strudel fortgezogen,

Zu schauen meiner Sehnsucht teures Land.

Ich sah's, und tausend Dämmerbilder flogen

In wechselnder Gestalt, im Dunstgewand,

Vor dem entzückten Auge hin und wieder,

Und lächelnd stieg Vergangenheit hernieder.

 

Ich sah, wie einst die nebelgleiche Hülle,

Wie auf ein Götterwort, dem Aug' entsank.

Sie reichte mir aus ihrer ew'gen Fülle,

Die Himmlische, den neuen Lebenstrank;

Bis in des Busens tiefgeheimste Stille

Fühlt' ich die Glut, die göttlich mich durchdrang,

Fühlt ich, umschlungen von geliebten Armen,

Zu höherm Schlag mein ganzes Herz erwarmen. –

 

Ach! Monden, Jahre sind seitdem entschwunden,

Und öder ward's und öder um mich her;

Die einst so fest das engste Band umwunden,

Sie scheidet jetzt Gebirg und Strom und Meer.

Die heil'ge Stätte hab' ich wiederfunden,

Die Tage schwanden ohne Wiederkehr.

Erinnrung spricht zu mir in leisen Tönen;

Ich irr' allein umher mit tiefem Sehnen.

 

Und trüb' und trüber blick' ich in die Ferne,

Doch keiner Hoffnung Morgenstrahl erwacht.

Ich traut' auch euch, ihr hellen goldnen Sterne,

Und euch verhüllt die feindlich düstre Nacht.

Wie wandelt' ich in eurem Glanz so gerne!

Wie hing mein Aug' an eurer stillen Pracht!

Ihr schwandet – Hier, am ernsten Scheidewege,

Forsch' ich umsonst, ob sich kein Zeichen rege.

 

Doch aus des Waldes feierlichen Hallen

Tönt's wie ein fernes Rauschen an mein Ohr;

Ich hör' es nah und hör' es näher wallen,

Und lauter tönt's, ein tausendstimmig Chor.

Aus goldnen Wolken seh' ich Strahlen fallen,

Ein seltsam Licht dringt durch die Nacht hervor,

Und ein Gemisch leicht schwebender Gestalten

Scheint sich in buntem Wechsel zu entfalten.

 

Was tönt mir aus der Felsengrotte Tiefen?

Was rauscht im heil'gen Hain, am stillen Bach?

Wer deutet die bewegten Hieroglyphen

Und spürt dem leisen Sinn der Bilder nach?

O, welche Geister, welche Götter riefen

Der Vorwelt ferne Melodieen wach,

Die mich in holdem Taumel, leis' und leise,

Allmächtig ziehn in die geweihten Kreise?

 

Vom heil'gen Krieg, wo fromme Helden ringen

Um des Erlösers hochverehrtes Grab;

Vom süßen Trug, von Amors losen Schlingen

Und von der Schönheit mächt'gem Feeenstab;

Von Frauen, Rittern, Zaubrern hör' ich singen,

Bis in den Orkus steigt das Lied hinab,

Um triumphierend aus der Hölle Gründen

Zu Himmelshöhn sich stolz empor zu winden.

 

Dem muß ein kühnes Herz im Busen schlagen,

Der sich zuerst dem Labyrinth vertraut,

Mit festem Blick und sonder Graun und Zagen

In jene wundervolle Tiefe schaut.

O, nur ein Sohn der Götter mag es wagen!

Ihm tönt geordnet der verworrne Laut,

Und hehre Musen, mit geheimer Feier,

Bereiten ihm die liederreiche Leier.

 

Wer aber wagt's, nach ihm, mit leisem Beben,

Sich zu vertraun dem wunderbaren Land?

O edler Geist, wirst du dem Mut vergeben,

Der deine Spur im stillen nacherfand?

Der deinen schönen Baum mit kühnem Streben

Verpflanzt an seiner Heimat fernen Strand?

Sieh, diesen Kranz entwind' ich seinen Blättern

Und weih' ihn dankbar dir und deinen Göttern.

 

Und du, die der Begeisterung ersten Funken

Einst glühend in des Jünglings Seele warf,

Nimm dieses Opfer, das ich, andachtstrunken,

Mit reiner Hand dir, Göttin, weihen darf.

In deinem Hain, in Ahnungslust versunken,

Fühl' ich der Trennung Pfeile minder scharf.

Du lächelst mir? Schon hebt mein Blick sich dreister:

Ja, ewig ist, wie sie, das Band der Geister!

 

Wohlan, o Freunde, wenn euch im Gewühle

Der lauten Welt kein Labungsort bewußt:

Versammelt euch in dieser Schatten Kühle

Und horcht dem ernsten Lied in stiller Lust.

Und hebt es euch zu innigerm Gefühle,

So kommt und drückt den Freund an eure Brust,

Und sagt ihm herzlich, mit beredtem Schweigen:

Der Freundschaft Macht kann keine Trennung beugen.

 

Torquato Tasso

 

Mittwoch, 25. Februar 2009

Brief an den Vater

Franz Kafka

 

Liebster Vater,

 

Du hast mich letzthin einmal gefragt, warum ich behaupte, ich hätte Furcht vor Dir. Ich wußte Dir, wie gewöhnlich, nichts zu antworten, zum Teil eben aus der Furcht, die ich vor Dir habe, zum Teil deshalb, weil zur Begründung dieser Furcht zu viele Einzelheiten gehören, als daß ich sie im Reden halbwegs zusammenhalten könnte. Und wenn ich hier versuche, Dir schriftlich zu antworten, so wird es doch nur sehr unvollständig sein, weil auch im Schreiben die Furcht und ihre Folgen mich Dir gegenüber behindern und weil die Größe des Stoffs über mein Gedächtnis und meinen Verstand weit hinausgeht.

 

Dir hat sich die Sache immer sehr einfach dargestellt, wenigstens soweit Du vor mir und, ohne Auswahl, vor vielen andern davon gesprochen hast. Es schien Dir etwa so zu sein: Du hast Dein ganzes Leben lang schwer gearbeitet, alles für Deine Kinder, vor allem für mich geopfert, ich habe infolgedessen »in Saus und Braus« gelebt, habe vollständige Freiheit gehabt zu lernen was ich wollte, habe keinen Anlaß zu Nahrungssorgen, also zu Sorgen überhaupt gehabt; Du hast dafür keine Dankbarkeit verlangt, Du kennst »die Dankbarkeit der Kinder«, aber doch wenigstens irgendein Entgegenkommen, Zeichen eines Mitgefühls; statt dessen habe ich mich seit jeher vor Dir verkrochen, in mein Zimmer, zu Büchern, zu verrückten Freunden, zu überspannten Ideen; offen gesprochen habe ich mit Dir niemals, in den Tempel bin ich nicht zu Dir gekommen, in Franzensbad habe ich Dich nie besucht, auch sonst nie Familiensinn gehabt, um das Geschäft und Deine sonstigen Angelegenheiten habe ich mich nicht gekümmert, die Fabrik habe ich Dir aufgehalst und Dich dann verlassen, Ottla habe ich in ihrem Eigensinn unterstützt und während ich für Dich keinen Finger rühre (nicht einmal eine Theaterkarte bringe ich Dir), tue ich für Freunde alles. Faßt Du Dein Urteil über mich zusammen, so ergibt sich, daß Du mir zwar etwas geradezu Unanständiges oder Böses nicht vorwirfst (mit Ausnahme vielleicht meiner letzten Heiratsabsicht), aber Kälte, Fremdheit, Undankbarkeit. Und zwar wirfst Du es mir so vor, als wäre es meine Schuld, als hätte ich etwa mit einer Steuerdrehung das Ganze anders einrichten können, während Du nicht die geringste Schuld daran hast, es wäre denn die, daß Du zu gut zu mir gewesen bist.

 

Diese Deine übliche Darstellung halte ich nur so weit für richtig, daß auch ich glaube, Du seist gänzlich schuldlos an unserer Entfremdung. Aber ebenso gänzlich schuldlos bin auch ich. Könnte ich Dich dazu bringen, daß Du das anerkennst, dann wäre - nicht etwa ein neues Leben möglich, dazu sind wir beide viel zu alt, aber doch eine Art Friede, kein Aufhören, aber doch ein Mildern Deiner unaufhörlichen Vorwürfe.

 

Irgendeine Ahnung dessen, was ich sagen will, hast Du merkwürdigerweise. So hast Du mir zum Beispiel vor kurzem gesagt: »ich habe Dich immer gern gehabt, wenn ich auch äußerlich nicht so zu Dir war wie andere Väter zu sein pflegen, eben deshalb weil ich mich nicht verstellen kann wie andere«. Nun habe ich, Vater, im ganzen niemals an Deiner Güte mir gegenüber gezweifelt, aber diese Bemerkung halte ich für unrichtig. Du kannst Dich nicht verstellen, das ist richtig, aber nur aus diesem Grunde behaupten wollen, daß die andern Väter sich verstellen, ist entweder bloße, nicht weiter diskutierbare Rechthaberei oder aber - und das ist es meiner Meinung nach wirklich - der verhüllte Ausdruck dafür, daß zwischen uns etwas nicht in Ordnung ist und daß Du es mitverursacht hast, aber ohne Schuld. Meinst Du das wirklich, dann sind wir einig.

 

Ich sage ja natürlich nicht, daß ich das, was ich bin, nur durch Deine Einwirkung geworden bin. Das wäre sehr übertrieben (und ich neige sogar zu dieser Übertreibung). Es ist sehr leicht möglich, daß ich, selbst wenn ich ganz frei von Deinem Einfluß aufgewachsen wäre, doch kein Mensch nach Deinem Herzen hätte werden können. Ich wäre wahrscheinlich doch ein schwächlicher, ängstlicher, zögernder, unruhiger Mensch geworden, weder Robert Kafka noch Karl Hermann, aber doch ganz anders, als ich wirklich bin, und wir hätten uns ausgezeichnet miteinander vertragen können. Ich wäre glücklich gewesen, Dich als Freund, als Chef, als Onkel, als Großvater, ja selbst (wenn auch schon zögernder) als Schwiegervater zu haben. Nur eben als Vater warst Du zu stark für mich, besonders da meine Brüder klein starben, die Schwestern erst lange nachher kamen, ich also den ersten Stoß ganz allein aushalten mußte, dazu war ich viel zu schwach.

 

Vergleich uns beide: ich, um es sehr abgekürzt auszudrücken, ein Löwy mit einem gewissen Kafkaschen Fond, der aber eben nicht durch den Kafkaschen Lebens-, Geschäfts-, Eroberungswillen in Bewegung gesetzt wird, sondern durch einen Löwy'schen Stachel, der geheimer, scheuer, in anderer Richtung wirkt und oft überhaupt aussetzt. Du dagegen ein wirklicher Kafka an Stärke, Gesundheit, Appetit, Stimmkraft, Redebegabung, Selbstzufriedenheit, Weltüberlegenheit, Ausdauer, Geistesgegenwart, Menschenkenntnis, einer gewissen Großzügigkeit, natürlich auch mit allen zu diesen Vorzügen gehörigen Fehlern und Schwächen, in welche Dich Dein Temperament und manchmal Dein Jähzorn hineinhetzen. Nicht ganzer Kafka bist Du vielleicht in Deiner allgemeinen Weltansicht, soweit ich Dich mit Onkel Philipp, Ludwig, Heinrich vergleichen kann. Das ist merkwürdig, ich sehe hier auch nicht ganz klar. Sie waren doch alle fröhlicher, frischer, ungezwungener, leichtlebiger, weniger streng als Du. (Darin habe ich übrigens viel von Dir geerbt und das Erbe viel zu gut verwaltet, ohne allerdings die nötigen Gegengewichte in meinem Wesen zu haben, wie Du sie hast.) Doch hast auch andererseits Du in dieser Hinsicht verschiedene Zeiten durchgemacht, warst vielleicht fröhlicher, ehe Dich Deine Kinder, besonders ich, enttäuschten und zu Hause bedrückten (kamen Fremde, warst Du ja anders) und bist auch jetzt vielleicht wieder fröhlicher geworden, da Dir die Enkel und der Schwiegersohn wieder etwas von jener Wärme geben, die Dir die Kinder, bis auf Valli vielleicht, nicht geben konnten. Jedenfalls waren wir so verschieden und in dieser Verschiedenheit einander so gefährlich, daß, wenn man es hätte etwa im voraus ausrechnen wollen, wie ich, das langsam sich entwickelnde Kind, und Du, der fertige Mann, sich zueinander verhalten werden, man hätte annehmen können, daß Du mich einfach niederstampfen wirst, daß nichts von mir übrigbleibt. Das ist nun nicht geschehen, das Lebendige läßt sich nicht ausrechnen, aber vielleicht ist Ärgeres geschehen. Wobei ich Dich aber immerfort bitte, nicht zu vergessen, daß ich niemals im entferntesten an eine Schuld Deinerseits glaube. Du wirktest so auf mich, wie Du wirken mußtest, nur sollst Du aufhören, es für eine besondere Bosheit meinerseits zu halten, daß ich dieser Wirkung erlegen bin.

 

Ich war ein ängstliches Kind; trotzdem war ich gewiß auch störrisch, wie Kinder sind; gewiß verwöhnte mich die Mutter auch, aber ich kann nicht glauben, daß ich besonders schwer lenkbar war, ich kann nicht glauben, daß ein freundliches Wort, ein stilles Bei-der-Hand-Nehmen, ein guter Blick mir nicht alles hätten abfordern können, was man wollte. Nun bist Du ja im Grunde ein gütiger und weicher Mensch (das Folgende wird dem nicht widersprechen, ich rede ja nur von der Erscheinung, in der Du auf das Kind wirktest), aber nicht jedes Kind hat die Ausdauer und Unerschrockenheit, so lange zu suchen, bis es zu der Güte kommt. Du kannst ein Kind nur so behandeln, wie Du eben selbst geschaffen bist, mit Kraft, Lärm und Jähzorn, und in diesem Falle schien Dir das auch noch überdies deshalb sehr gut geeignet, weil Du einen kräftigen mutigen Jungen in mir aufziehen wolltest.

 

Deine Erziehungsmittel in den allerersten Jahren kann ich heute natürlich nicht unmittelbar beschreiben, aber ich kann sie mir etwa vorstellen durch Rückschluß aus den späteren Jahren und aus Deiner Behandlung des Felix. Hiebei kommt verschärfend in Betracht, daß Du damals jünger, daher frischer, wilder, ursprünglicher, noch unbekümmerter warst als heute und daß Du außerdem ganz an das Geschäft gebunden warst, kaum einmal des Tages Dich mir zeigen konntest und deshalb einen um so tieferen Eindruck auf mich machtest, der sich kaum je zur Gewöhnung verflachte.

 

Direkt erinnere ich mich nur an einen Vorfall aus den ersten Jahren. Du erinnerst Dich vielleicht auch daran. Ich winselte einmal in der Nacht immerfort um Wasser, gewiß nicht aus Durst, sondern wahrscheinlich teils um zu ärgern, teils um mich zu unterhalten. Nachdem einige starke Drohungen nicht geholfen hatten, nahmst Du mich aus dem Bett, trugst mich auf die Pawlatsche und ließest mich dort allein vor der geschlossenen Tür ein Weilchen im Hemd stehn. Ich will nicht sagen, daß das unrichtig war, vielleicht war damals die Nachtruhe auf andere Weise wirklich nicht zu verschaffen, ich will aber damit Deine Erziehungsmittel und ihre Wirkung auf mich charakterisieren. Ich war damals nachher wohl schon folgsam, aber ich hatte einen inneren Schaden davon. Das für mich Selbstverständliche des sinnlosen Ums-Wasser-Bittens und das außerordentlich Schreckliche des Hinausgetragenwerdens konnte ich meiner Natur nach niemals in die richtige Verbindung bringen. Noch nach Jahren litt ich unter der quälenden Vorstellung, daß der riesige Mann, mein Vater, die letzte Instanz, fast ohne Grund kommen und mich in der Nacht aus dem Bett auf die Pawlatsche tragen konnte und daß ich also ein solches Nichts für ihn war.

 

Das war damals ein kleiner Anfang nur, aber dieses mich oft beherrschende Gefühl der Nichtigkeit (ein in anderer Hinsicht allerdings auch edles und fruchtbares Gefühl) stammt vielfach von Deinem Einfluß. Ich hätte ein wenig Aufmunterung, ein wenig Freundlichkeit, ein wenig Offenhalten meines Wegs gebraucht, statt dessen verstelltest Du mir ihn, in der guten Absicht freilich, daß ich einen anderen Weg gehen sollte. Aber dazu taugte ich nicht. Du muntertest mich zum Beispiel auf, wenn ich gut salutierte und marschierte, aber ich war kein künftiger Soldat, oder Du muntertest mich auf, wenn ich kräftig essen oder sogar Bier dazu trinken konnte, oder wenn ich unverstandene Lieder nachsingen oder Deine Lieblingsredensarten Dir nachplappern konnte, aber nichts davon gehörte zu meiner Zukunft. Und es ist bezeichnend, daß Du selbst heute mich nur dann eigentlich in etwas aufmunterst, wenn Du selbst in Mitleidenschaft gezogen bist, wenn es sich um Dein Selbstgefühl handelt, das ich verletze (zum Beispiel durch meine Heiratsabsicht) oder das in mir verletzt wird (wenn zum Beispiel Pepa mich beschimpft). Dann werde ich aufgemuntert, an meinen Wert erinnert, auf die Partien hingewiesen, die ich zu machen berechtigt wäre und Pepa wird vollständig verurteilt. Aber abgesehen davon, daß ich für Aufmunterung in meinem jetzigen Alter schon fast unzugänglich bin, was würde sie mir auch helfen, wenn sie nur dann eintritt, wo es nicht in erster Reihe um mich geht.

 

Damals und damals überall hätte ich die Aufmunterung gebraucht. Ich war ja schon niedergedrückt durch Deine bloße Körperlichkeit. Ich erinnere mich zum Beispiel daran, wie wir uns öfters zusammen in einer Kabine auszogen. Ich mager, schwach, schmal, Du stark, groß, breit. Schon in der Kabine kam ich mir jämmerlich vor, und zwar nicht nur vor Dir, sondern vor der ganzen Welt, denn Du warst für mich das Maß aller Dinge. Traten wir dann aber aus der Kabine vor die Leute hinaus, ich an Deiner Hand, ein kleines Gerippe, unsicher, bloßfüßig auf den Planken, in Angst vor dem Wasser, unfähig Deine Schwimmbewegungen nachzumachen, die Du mir in guter Absicht, aber tatsächlich zu meiner tiefen Beschämung immerfort vormachtest, dann war ich sehr verzweifelt und alle meine schlimmen Erfahrungen auf allen Gebieten stimmten in solchen Augenblicken großartig zusammen. Am wohlsten war mir noch, wenn Du Dich manchmal zuerst auszogst und ich allein in der Kabine bleiben und die Schande des öffentlichen Auftretens so lange hinauszögern konnte, bis Du endlich nachschauen kamst und mich aus der Kabine triebst. Dankbar war ich Dir dafür, daß Du meine Not nicht zu bemerken schienest, auch war ich stolz auf den Körper meines Vaters. Übrigens besteht zwischen uns dieser Unterschied heute noch ähnlich.

 

Dem entsprach weiter Deine geistige Oberherrschaft. Du hattest Dich allein durch eigene Kraft so hoch hinaufgearbeitet, infolgedessen hattest Du unbeschränktes Vertrauen zu Deiner Meinung. Das war für mich als Kind nicht einmal so blendend wie später für den heranwachsenden jungen Menschen. In Deinem Lehnstuhl regiertest Du die Welt. Deine Meinung war richtig, jede andere war verrückt, überspannt, meschugge, nicht normal. Dabei war Dein Selbstvertrauen so groß, daß Du gar nicht konsequent sein mußtest und doch nicht aufhörtest recht zu haben. Es konnte auch vorkommen, daß Du in einer Sache gar keine Meinung hattest und infolgedessen alle Meinungen, die hinsichtlich der Sache überhaupt möglich waren, ohne Ausnahme falsch sein mußten. Du konntest zum Beispiel auf die Tschechen schimpfen, dann auf die Deutschen, dann auf die Juden, und zwar nicht nur in Auswahl, sondern in jeder Hinsicht, und schließlich blieb niemand mehr übrig außer Dir. Du bekamst für mich das Rätselhafte, das alle Tyrannen haben, deren Recht auf ihrer Person, nicht auf dem Denken begründet ist. Wenigstens schien es mir so.

 

Nun behieltest Du ja mir gegenüber tatsächlich erstaunlich oft recht, im Gespräch war das selbstverständlich, denn zum Gespräch kam es kaum, aber auch in Wirklichkeit. Doch war auch das nichts besonders Unbegreifliches: Ich stand ja in allem meinem Denken unter Deinem schweren Druck, auch in dem Denken, das nicht mit dem Deinen übereinstimmte und besonders in diesem. Alle diese von Dir scheinbar unabhängigen Gedanken waren von Anfang an belastet mit Deinem absprechenden Urteil; bis zur vollständigen und dauernden Ausführung des Gedankens das zu ertragen, war fast unmöglich. Ich rede hier nicht von irgendwelchen hohen Gedanken, sondern von jedem kleinen Unternehmen der Kinderzeit. Man mußte nur über irgendeine Sache glücklich sein, von ihr erfüllt sein, nach Hause kommen und es aussprechen und die Antwort war ein ironisches Seufzen, ein Kopfschütteln, ein Fingerklopfen auf den Tisch: »Hab auch schon etwas Schöneres gesehn« oder »Mir gesagt Deine Sorgen« oder »ich hab keinen so geruhten Kopf« oder »Kauf Dir was dafür!« oder »Auch ein Ereignis!« Natürlich konnte man nicht für jede Kinderkleinigkeit Begeisterung von Dir verlangen, wenn Du in Sorge und Plage lebtest. Darum handelte es sich auch nicht. Es handelte sich vielmehr darum, daß Du solche Enttäuschungen dem Kinde immer und grundsätzlich bereiten mußtest kraft Deines gegensätzlichen Wesens, weiter daß dieser Gegensatz durch Anhäufung des Materials sich unaufhörlich verstärkte, so daß er sich schließlich auch gewohnheitsmäßig geltend machte, wenn Du einmal der gleichen Meinung warst wie ich und daß endlich diese Enttäuschungen des Kindes nicht Enttäuschungen des gewöhnlichen Lebens waren, sondern, da es ja um Deine für alles maßgebende Person ging, im Kern trafen. Der Mut, die Entschlossenheit, die Zuversicht, die Freude an dem und jenem hielten nicht bis zum Ende aus, wenn Du dagegen warst oder schon wenn Deine Gegnerschaft bloß angenommen werden konnte; und angenommen konnte sie wohl bei fast allem werden, was ich tat.

Sonntag, 22. Februar 2009

Die Sage vom Hirschgulden

In Oberschwaben stehen noch heutzutage die Mauern einer Burg, die einst die stattlichste der Gegend war, Hohenzollern. Sie erhebt sich auf einem runden, steilen Berg, und von ihrer schroffen Höhe sieht man weit und frei ins Land. So weit und noch viel weiter, als man diese Burg im Land umher sehen kann, ward das tapfere Geschlecht der Zollern gefürchtet, und ihren Namen kannte und ehrte man in allen deutschen Landen. Nun lebte vor vielen hundert Jahren, ich glaube, das Schießpulver war noch nicht einmal erfunden, auf dieser Feste ein Zollern, der von Natur ein sonderbarer Mensch war. Man konnte nicht sagen, daß er seine Untertanen hart gedrückt oder mit seinen Nachbarn in Fehde gelebt hätte, aber dennoch traute ihm niemand über den Weg ob seinem finsteren Auge, seiner krausen Stirne und seinem einsilbigen, mürrischen Wesen. Es gab wenige Leute außer dem Schloßgesinde, die ihn je hatten ordentlich sprechen hören wie andere Menschen, denn wenn er durch das Tal ritt, einer ihm begegnete und schnell die Mütze abnahm, sich hinstellte und sagte: »Guten Abend, Herr Graf, heute ist es schön Wetter«, so antwortete er »dummes Zeug«, oder »weiß schon«. Hatte aber einer etwas nicht recht gemacht für ihn oder seine Rosse, begegnete ihm ein Bauer im Hohlweg mit dem Karren, daß er auf seinem Rappen nicht schnell genug vorüberkommen konnte, so entlud sich sein Ingrimm in einem Donner von Flüchen; doch hat man nie gehört, daß er bei solchen Gelegenheiten einen Bauern geschlagen hätte. In der Gegend aber hieß man ihn »das böse Wetter von Zollern«.

 

»Das böse Wetter von Zollern« hatte eine Frau, die der Widerpart von ihm und so mild und freundlich war wie ein Maitag. Oft hatte sie Leute, die ihr Eheherr durch harte Reden beleidigt hatte, durch freundliche Worte und ihre gütigen Blicke wieder mit ihm ausgesöhnt; den Armen aber tat sie Gutes, wo sie konnte, und ließ es sich nicht verdrießen, sogar im heißen Sommer oder im schrecklichsten Schneegestöber den steilen Berg herabzugehen, um arme Leute oder kranke Kinder zu besuchen. Begegnete ihr auf solchen Wegen der Graf, so sagte er mürrisch: »Weiß schon, dummes Zeug«.

 

Manch andere Frau hätte dieses mürrische Wesen abgeschreckt oder eingeschüchtert; die eine hätte gedacht, was gehen mich die armen Leute an, wenn mein Herr sie für dummes Zeug hält; die andere hätte vielleicht aus Stolz oder Unmut die Liebe gegen einen so mürrischen Gemahl erkalten lassen; doch nicht also Frau Hedwig von Zollern. Die liebte ihn nach wie vor, suchte mit ihrer schönen weißen Hand die Falten von seiner braunen Stirn zu streichen und liebte und ehrte ihn; als aber nach Jahr und Tag der Himmel ein junges Gräflein zum Angebinde bescherte, liebte sie ihren Gatten nicht minder, indem sie ihrem Söhnlein dennoch alle Pflichten einer zärtlichen Mutter erzeigte. Drei Jahre lang vergingen, und der Graf von Zollern sah seinen Sohn nur alle Sonntage nach Tische, wo er ihm von der Amme dargereicht wurde . Er blickte ihn dann unverwandt an, brummte etwas in den Bart und gab ihn der Amme zurück. Als jedoch der Kleine »Vater« sagen konnte, schenkte der Graf der Amme einen Gulden - dem Kinde machte er kein fröhlicher Gesicht.

 

An seinem dritten Geburtstag aber ließ der Graf seinem Sohn die ersten Höslein anziehen und kleidete ihn prächtig in Samt und Seide; dann befahl er, seinen Rappen und ein anderes schönes Pferd vorzufahren, nahm den Kleinen auf den Arm und fing an, mit klirrenden Sporen die Wendeltreppe hinabzusteigen. Frau Hedwig erstaunte, als sie dies sah. Sie war sonst gewohnt, nicht zu fragen, wo aus und wann heim, wenn er ausritt; aber diesmal öffnete die Sorge um ihr Kind ihre Lippen. »Wollet Ihr ausreiten, Herr Graf sprach sie. - Er gab keine Antwort. »Wozu denn den Kleinen fragte sie weiter. »Kuno wird mit mir spazierengehen

 

»Weiß schon«, entgegnete das böse Wetter von Zollern und ging weiter; und als er im Hof stand, nahm er den Knaben bei einem Füßlein, hob ihn schnell in den Sattel, band ihn mit einem Tuch fest, schwang sich selbst auf den Rappen und trabte zum Burgtore hinaus, indem er den Zügel vom Rosse seines Söhnleins in die Hand nahm.

 

Dem Kleinen schien es anfangs großes Vergnügen zu gewähren, mit dem Vater den Berg hinabzureiten. Er klopfte in die Hände, er lachte und schüttelte sein Rößlein an den Mähnen, damit es schneller laufen sollte, und der Graf hatte seine Freude daran, rief auch einigemal: »Kannst ein wackerer Bursche werden

 

Als sie aber in die Ebene angekommen waren und der Graf statt Schritt Trab anschlug, da vergingen dem Kleinen die Sinne; er bat anfangs ganz bescheiden, sein Vater möchte langsamer reiten, als es aber immer schneller ging und der heftige Wind dem armen Kuno beinahe den Atem nahm, da fing er an, still zu weinen, wurde immer ungeduldiger und schrie am Ende aus Leibeskräften.

 

»Weiß schon, dummes Zeug fing jetzt sein Vater an. »Heult der Junge beim ersten Ritt; schweig oder --- « Doch den Augenblick, als er mit einem Fluche sein Söhnlein aufmuntern wollte, bäumte sich sein Roß; der Zügel des andern entfiel seiner Hand, er arbeitete sich ab, Meister seines Tieres zu werden, und als er es zur Ruhe gebracht hatte und sich ängstlich nach seinem Kind umsah, erblickte er dessen Pferd, wie es ledig und ohne den kleinen Reiter der Burg zulief.

 

So ein harter, finsterer Mann der Graf von Zollern sonst war, so überwand doch dieser Anblick sein Herz; er glaubte nicht anders, als sein Kind liege zerschmettert am Weg; er raufte sich den Bart und jammerte. Aber nirgends, so weit er zurückritt, sah er eine Spur von dem Knaben; schon stellte er sich vor, das scheu gewordene Roß habe ihn in einen Wassergraben geschleudert, der neben dem Wege lag. Da hörte er von einer Kinderstimme hinter sich seinen Namen rufen, und als er sich flugs umwandte - sieh, da saß ein altes Weib unweit der Straße unter einem Baum und wiegte den Kleinen auf ihren Knien.

 

 

Donnerstag, 19. Februar 2009

Das Wirtshaus im Spessart

Vor vielen Jahren, als im Spessart die Wege noch schlecht und nicht so häufig als jetzt befahren waren, zogen zwei junge Burschen durch diesen Wald. Der eine mochte achtzehn Jahre alt sein und war ein Zirkelschmied, der andere, ein Goldarbeiter, konnte nach seinem Aussehen kaum sechzehn Jahre haben und tat wohl jetzt eben seine erste Reise in die Welt. Der Abend war schon heraufgekommen, und die Schatten der riesengroßen Fichten und Buchen verfinsterten den schmalen Weg, auf dem die beiden wanderten. Der Zirkelschmied schritt wacker vorwärts und pfiff ein Lied, schwatzte auch zuweilen mit Munter, seinem Hund, und schien sich nicht viel darum zu kümmern, daß die Nacht nicht mehr fern, desto ferner aber die nächste Herberge sei; aber Felix, der Goldarbeiter, sah sich oft ängstlich um. Wenn der Wind durch die Bäume rauschte, so war es ihm, als höre er Tritte hinter sich; wenn das Gesträuch am Wege hin und her wankte und sich teilte, glaubte er Gesichter hinter den Büschen lauern zu sehen.

 

Der junge Goldschmied war sonst nicht abergläubisch oder mutlos. In Würzburg, wo er gelernt hatte, galt er unter seinen Kameraden für einen unerschrockenen Burschen, dem das Herz am rechten Fleck sitze; aber heute war ihm doch sonderbar zumute. Man hatte ihm vom Spessart so mancherlei erzählt; eine große Räuberbande sollte dort ihr Wesen treiben, viele Reisende waren in den letzten Wochen geplündert worden, ja man sprach sogar von einigen greulichen Mordgeschichten, die vor nicht langer Zeit dort vorgefallen seien. Da war ihm nun doch etwas bange für sein Leben, denn sie waren ja nur zu zweit und konnten gegen bewaffnete Räuber gar wenig ausrichten. Oft gereute es ihn, daß er dem Zirkelschmied gefolgt war, noch eine Station zu gehen, statt am Eingang des Waldes über Nacht zu bleiben.

 

»Und wenn ich heute nacht totgeschlagen werde und um Leben und alles komme, was ich bei mir habe, so ist's nur deine Schuld, Zirkelschmied; denn du hast mich in den schrecklichen Wald hereingeschwätzt.«

 

»Sei kein Hasenfuß«, erwiderte der andere, »ein rechter Handwerksbursche soll sich eigentlich gar nicht fürchten. Und was meinst du denn? Meinst du, die Herren Räuber im Spessart werden uns die Ehre antun, uns zu überfallen und totzuschlagen? Warum sollten sie sich diese Mühe geben? Etwa wegen meines Sonntagsrocks, den ich im Ranzen habe, oder wegen des Zehrpfennigs von einem Taler? Da muß man schon mit Vieren fahren, in Gold und Seide gekleidet sein, wenn sie es der Mühe wert finden, einen totzuschlagen

 

»Halt! Hörst du nicht etwas pfeifen im Wald rief Felix ängstlich.

 

»Das war der Wind, der um die Bäume pfeift, geh nur rasch vorwärts, lange kann es nicht mehr dauern

 

»Ja, du hast gut reden wegen des Totschlagens«, fuhr der Goldarbeiter fort. »Dich fragen sie, was du hast, durchsuchen dich und nehmen dir allenfalls den Sonntagsrock und den Gulden und dreißig Kreuzer; aber mich, mich schlagen sie gleich anfangs tot, nur weil ich Gold und Geschmeide mit mir führe. «

 

»Ei, warum sollten sie dich totschlagen deswegen? Kämen jetzt vier oder fünf dort aus dem Busch mit geladenen Büchsen, die sie auf uns anlegten, und fragten ganz höflich: "Ihr Herren, was habt ihr bei euch?" und "Machet es euch bequem, wir wollen's euch tragen helfen", und was dergleichen anmutige Redensarten sind; da wärest du wohl kein Tor, machtest dein Ränzchen auf und legtest die gelbe Weste, den blauen Rock, zwei Hemden und alle Halsbänder und Armbänder und Kämme, und was du sonst noch hast, höflich auf die Erde und bedanktest dich fürs Leben, das sie dir schenkten.«

 

»So, meinst du«, entgegnete Felix sehr eifrig, »den Schmuck für meine Frau Pate, die vornehme Gräfin, soll ich hergeben? Eher mein Leben; eher laß ich mich in kleine Stücke zerschneiden. Hat sie nicht Mutterstelle an mir vertreten und seit meinem zehnten Jahr mich aufziehen lassen? Hat sie nicht die Lehre für mich bezahlt und Kleider und alles? Und jetzt, da ich sie besuchen darf und etwas mitbringe von meiner eigenen Arbeit, das sie beim Meister bestellt hat, jetzt, da ich ihr an dem schönen Geschmeide zeigen könnte, was ich gelernt habe, jetzt soll ich das alles hergeben und die gelbe Weste dazu, die ich auch von ihr habe? Nein, lieber sterben, als daß ich den schlechten Menschen meiner Frau Pate Geschmeide gebe

 

»Sei kein Narr rief der Zirkelschmied. »Wenn sie dich totschlagen, bekommt die Frau Gräfin den Schmuck dennoch nicht. Drum ist es besser, du gibst ihn her und erhältst dein Leben

 

Felix antwortete nicht; die Nacht war jetzt ganz heraufgekommen, und bei dem ungewissen Schein des Neumonds konnte man kaum auf fünf Schritte vor sich sehen; er wurde immer ängstlicher, hielt sich näher an seinen Kameraden und war mit sich uneinig, ob er seine Reden und Beweise billigen sollte oder nicht. Noch eine Stunde beinahe waren sie fortgegangen, da erblickten sie in der Ferne ein Licht. Der junge Goldschmied meinte aber, man dürfe nicht trauen, vielleicht könnte es ein Räuberhaus sein, aber der Zirkelschmied belehrte ihn, daß die Räuber ihre Häuser oder Höhlen unter der Erde haben, und dies müsse das Wirtshaus sein, das ihnen ein Mann am Eingang des Waldes beschrieben.

 

Es war ein langes, aber niedriges Haus, ein Karren stand davor, und nebenan im Stalle hörte man Pferde wiehern. Der Zirkelschmied winkte seinen Gesellen an ein Fenster, dessen Laden geöffnet waren. Sie konnten, wenn sie sich auf die Zehen stellten, die Stube übersehen. Am Ofen in einem Armstuhl schlief ein Mann, der seiner Kleidung nach ein Fuhrmann und wohl auch der Herr des Karrens vor der Türe sein konnte. An der andern Seite des Ofens saßen ein Weib und ein Mädchen und spannen; hinter dem Tisch an der Wand saß ein Mensch, der ein Glas Wein vor sich, den Kopf in die Hände gestützt hatte, so daß sie sein Gesicht nicht sehen konnten. Der Zirkelschmied aber wollte aus seiner Kleidung bemerken, daß es ein vornehmer Herr sein müsse.

 

Wilhelm Hauff

Dienstag, 17. Februar 2009

"Wir müssen die Hälfte des Landes Israel aufgeben"

AUSSENMINISTERIN LIVNI

Wer die nächste israelische Regierung bildet, der entscheidet auch über den Kurs im Nahost-Friedensprozess. Wahlgewinnerin Livni machte jetzt klar, dass sie Zugeständnissen gegenüber den Palästinensern bereit ist: Israel müsse für den Frieden auf Land verzichten. Die beiden Spitzenkandidaten der größten Parteien stellten vor Vertretern jüdischer Organisationen aus den USA ihre Vorstellungen von der Zukunft des Friedensprozesses vor - und setzten dabei deutlich unterschiedliche Akzente. Außenministerin Zipi Livni von der Kadima-Partei sagte, Israel müsse ihrer Meinung nach als Preis für einen dauerhaften Frieden mit den Palästinensern auf beträchtliche Teile seines Territoriums verzichten. "Wir müssen die Hälfte des Landes Israel aufgeben", sagte sie - und bezog sich dabei auf Israel in den biblischen Grenzen, die das heutige Israel sowie das Westjordanland und den Gazastreifen umfassen. Ein derartiger Rückzug sei zum Wohle Israels, um den jüdischen Charakter des Landes zu bewahren, sagte die Siegerin der Parlamentswahl. Ihr Rivale Benjamin Netanjahu vom rechtsgerichteten Likud-Block machte klar, dass er einen einseitigen israelischen Rückzug ablehnt. Den Abzug aus dem Gazastreifen im Jahr 2005 bezeichnete er als Fehler, da er der Hamas ermöglicht habe, dort die Macht an sich zu reißen. Die Palästinenser sollten sich zwar selbst regieren, aber Israel müssen die Kontrolle über alle Grenzen, den Luftraums und den elektronischen Verkehrs behalten, sagte er. Livnis gemäßigte Kadima-Partei behauptete sich in der Wahl knapp als stärkste Kraft vor dem Likud-Block. Zwar hat Kadima ein Mandat mehr, doch kommt das von Likud angeführte rechtsgerichtete Lager der "Falken" zusammen mit kleineren Parteien eine Mehrheit von 65 der 120 Knesset-Sitze. Die von Livni geäußerte Bereitschaft zum Landverzicht spielt in der aktuellen israelischen Tagespolitik keine Rolle: Israel bereitet offenbar den Ausbau jüdischer Siedlungen im Westjordanland vor. Im Zentrum der Pläne steht die südlich von Jerusalem gelegene Siedlung Efrat. Der Ausbau von Siedlungen dürfte zu Spannungen zwischen den USA und Israel führen. Der Nahost-Gesandte von US-Präsident Barack Obama, George Mitchell, hat sich seit langem für einen Stopp des Baus neuer Siedlungen ausgesprochen. Der palästinensische Präsident Mahmud Abbas verurteilte die Siedlungspläne ebenfalls. Ein Ausbau der Siedlungen werde zum Zusammenbruch des Friedensprozesses führen, erklärte Abbas. Efrat liegt in einem der drei großen Siedlungsblöcke, die Israel auch nach einer endgültigen Friedensvereinbarung mit den Palästinensern nicht aufgeben will.

 

http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,607993,00.html

Samstag, 14. Februar 2009

Der Bauer und sein Sohn

Morgens beim Aufstehn sagt einmal der Peter ganz erschrocken zu seinem Weib: »Ei, schau doch, Ev', was hab' ich da für blaue Flecken! Am ganzen Leib schwarzblau! - und denkt mir doch nicht, daß ich Händel hatte!« »Mann sagte die Frau, » du hast gewiß wieder den Hansel, die arme Mähr, halb lahm geschlagen? Vom Ehni hab' ich das wohl öfter denn hundertmal gehört: wenn einer sein Vieh malträtiert, sei's Stier, sei's Esel oder Pferd, da schickt es seinem Peiniger bei Nacht die blauen Mäler zu. Jetzt haben wir's blank Der Peter aber brummte: »hum, wenn's nichts weiter zu bedeuten hat schwieg still und meinte, die Flecken möchten ihm den Tod ansagen; deshalb er auch etliche Tage zahm und geschmeidig war, daß es dem ganzen Haus zugut kam. Kaum aber ist ihm die Haut wieder heil, da ist er wie immer der grimmige Peter mit seinem roten Kopf und lauter Flüchen zwischen den Zähnen. Der Hansel sonderlich hatte sehr böse Zeit, dazu noch bittern Hunger, und wenn ihm oft im Stall die Knochen alle weh taten von allzu harter Arbeit, sprach er wohl einmal vor sich hin: ich wollt', es holte mich ein Dieb, den würd' ich sanft wegtragen!

 

Es hatte aber der Bauer einen herzguten Jungen, Frieder mit Namen, der tat dem armen Tier alle Liebe. Wenn die Stalltür aufging, etwas leiser wie sonst, drehte der Hansel gleich den müden Kopf herum, zu sehn, ob es der Frieder sei, der ihm heimlich sein Morgen- oder Vesperbrot brachte. So kommt der Junge auch einmal hinein, erschrickt aber nicht wenig: denn auf des Braunen seinem Rücken sitzt ein schöner Mädchenengel mit einem silberhellen Rock und einem Wiesenblumenkranz im gelben Haar und streicht dem Hansel die Bückel und Beulen glatt mit seiner weißen Hand. Der Engel sieht den Frieder an und spricht:

 

»Dem wackern Hansel geht's noch gut,

Wenn ihn die Königsfrau reiten tut.

Arm Frieder

Wird Ziegenhüter,

Kriegt aber Überfluß,

Wenn er schüttelt die Nuß,

Wenn er schüttelt die Nuß

 

Solches gesagt, verschwand der Engel wieder und war nicht mehr da. Den Knaben überlief's, er huschte hurtig aus der Tür. Als er aber den Worten, die er vernommen, weiter nachsann, ward er fast traurig. »Ach dachte er, »der Ziegenbub vom Flecken sein, das ist doch gar ein faul und ärmlichs Leben, da kann ich meiner Mutter nicht das Salz in die Suppe verdienen. Aber Nüss'? woher? In meines Vaters Garten wachsen keine; und wenn ich sie auch ganzer Säcke voll schütteln sollte, wie der Engel verheißt, davon wird niemand satt. Ich weiß, was ich tun will, wann ich die Ziegen hüten muß: ich sammle Besenreißig nebenher und lerne Besen binden, da schafft sich doch ein Kreuzer Solche Gedanken hatte Frieder jenen ganzen Tag, sogar in der Schule und schaute darein wie ein Träumer. »Wieviel ist sechs mal sechs fragte der Schulmeister beim Einmaleins. »Nun, Friederl, was geht dir heut im Kopf herum? schwätz Der Bub, voll Schrecken, wußte nicht, sollt' er sagen: Besenreißig oder sechsunddreißig, denn eigentlich war beides richtig; er sagte aber: »Besenreißig Da gab es ein Gelächter, daß alle Fenster klirrten, und blieb noch lang ein Sprichwort in der Schule, wenn einer in Gedanken saß: der hat Besenreißig im Kopf.

 

 

In der Nacht konnte Frieder nicht schlafen. Einmal kam es ihm vor, als sei es im Hof nicht geheuer; er richtete sich auf und sah durchs Fenster über seinem Bett. Sieh da! drang eine Helle aus dem Stall und kam der Hansel heraus und der Engel auf ihm, der ritt ihn aus dem Hof so sachten Tritts, als ging es über Baumwolle weg. Im ersten Augenblick will Frieder schreien, doch gleich besinnt er sich und denkt, es ist ja Hansels Glück! - legt sich also geruhig wieder hin und weint nur still in die Kissen, daß jetzt der Hansel fort sein soll und nimmer wiederkommen.

 

Wie nun die zwei auf offener Straße waren und der Gaul im hellen Mondschein seinen Schatten sah, sprach er für sich: »Ach! bin ich nicht ein dürres Bein! eine Königin säße mir nimmermehr auf Der Engel sagte weiter nichts hiegegen und lenkte bald seitwärts in einen Feldweg ein, wo sie nach einer guten Strecke an eine schöne Wiese kamen; sie war voll goldener Blumen und hieß die unsichtbare, denn sie von ordinären Leuten nicht gesehen ward und ging bei Tage immer in einen nahen Wald hinein, daß sie kein Mensch ausfand. Kam aber guter armer Leute Kind mit einem Kühlein oder Geiß daher, dem zeigte der Engel die Wiese; es wuchs ein herrliches Futter auf ihr, auch mancherlei seltsame Kräuter , davon ein Tier fast wunderbar gedieh. Auf demselbigen Platz stieg der Engel jetzt ab, sprach: »Weide, Hans lief dann am Bach hinunter und schwand in die Lüfte, nur wie ein Stern am Himmel hinzückt. Der Hansel seinerseits fraß aber tapfer zu; und als er satt war, tat's ihm leid, so fett und milchig war das zarte Gras. Endlich kommt ihm der Schlaf; also legt er sich stracks an den Hügel dort bei den runden Buchen und ruht bei vier Stunden. Weckt ihn mit eins ein Jägerhorn, da war es Tag und stund die Sonne hell und klar am Himmel. Risch, springt er auf, sieht seinen Schatten auf dem grünen Rasen, verwundert sich und spricht: »Ei! was bin ich ein schmucker Kerl geworden! unecket, glatt und sauber So war es auch, und glänzte seine Haut als wie in Öl gebadet.

 

Nun aber jagte der König des Landes schon etliche Tage in selbiger Gegend und ging just aus dem Wald hervor mit seinen Leuten. »Ah schaut! Ah schaut rief er: »was für ein schönes Roß! wie es die stolzen Glieder übt in Sprüngen und lustigen Sätzen So sprechend trat er nahe herzu mit den Herren vom Hofe, die vernahmen sich alle über das Pferd und klopften ihm liebkosend auf den Hals. Sagte der König: »Reit', Jäger, in das Dorf hinein, zu fragen, ob dieses Tier nicht feil. Sag' ihnen, es käm' an keinen schlechten Herrn Derselbe Jägersmann ritt eine Schecke, welche dem Hansel wohlgefiel, derhalben er von selbst mit in den Flecken trabte, wo die Bauern alsbald neugierig die Köpfe aus den Fenstern streckten. »Hört, Leute! wessen ist der feine Braun ruft der Jäger durch die Gassen. »Mein ist er nicht! - Das ist kein hiesiger hieß es von allen Seiten. »Sieh, Frieder, guck! « sagte der Peter, »das ist ein ungrischer. Ich wollt', der wär' mein Zuletzt beteuerte der Hufschmied, ein solches Tier sei auf sechs Meilen im Revier gar nicht zu Hause. Da ritt der Jäger samt dem Hansel zum König zurück, vermeldend: »das Roß ist herrenlos »Behalten wir's denn! « versetzte der König, und ging der Zug also weiter.

 

Indessen meint der Peter, es wäre Zeit sein Vieh zu füttern, und stößt mit Gähnen die Stalltür auf. Hu! macht der Rüpel Augen, wie er den leeren Stand der Mähre sieht! Lang waren ihm alle Gedanken wie pelzen. »Zum Guckuck fuhr er endlich auf , »wird nicht viel fehlen, war da vorhin der fremde Gaul mein Hansel und ist's mit des Teufels Blendwerk geschehen, daß ihn kein Mensch dafür erkannte!« Der Peter wollte sich die Haar' ausraufen: allein was konnte er machen? Der Gaul war fort. Es haben mich nur die zwei Öchslein gedauert. An denen ließ der Unmensch seinen Grimm in diesen Tagen aus und mußten sie für ihrer drei arbeiten. Was ihnen aber, nächst Püffen, Schlägen, Hungerleiden, das Leben vollends ganz verleidete, das war das Heimweh nach dem braven Hans. Sie trauerten und wurden wie verstockt und taten alles hinterstfür; deshalb der Peter leis' zu seinem Weibe sprach: »Es ist schon nicht anders, die Ochsen sind mir auch verhext Bald wurden die Ehleute eins, daß sie das Paar für ein Spottgeld dem Metzger abließen; der schlachtete sie in der Stadt. Allein was geschieht? In einer Nacht, da alles schlief, klopft es dem Peter am Laden; schreit er: »Wer ist da drauß Antworten ihm zwo tiefe Baßstimmen:

 

»Der Walse und der Bleß

Müssen wandeln deinetwegen,

Wollen zu fressen, fressen in ihre kalten Mägen

 

Dem Peter schauerte die Haut, er zupfte sein Weib: »Steh du auf, Ev' »Ich nicht antwortete die Frau, »sie wollen halt ihr Sach von dir.« So stund der Großmaul auf mit Zittern, warf ihnen Futter hinaus, und wie sie damit fertig waren, gingen sie wieder.

 

Nun kam das Unglück Schlag auf Schlag. Der Peter brachte zwar vom nächsten Markt wieder zween Stiere heim, allein da zeigte sich's, es wollte mit aller Lieb kein Vieh mehr in dem Stalle bleiben: die beiden Stiere samt der Kuh wurden krank, man mußte sie mit Schaden aus dem Hause tun. Der Peter läuft zu einem Hexenbanner, will sagen Erzspitzbuben, legt ihm gutwillig einen Taler hin, dafür kriegt er ein Pulver, mit dem soll er den Stall durchräuchern, Schlag zwölfe um Mittag. Er räucherte auch wirklich so handig, daß er die Glut ins Stroh brachte, und schlug der rote Hahn alsbald die Flügel auf dem Dach, das heißt, Stallung und Scheuer ging in lichten Flammen auf; mit knapper Not konnte die Löschmannschaft das Wohnhaus retten. Peter, wo will's mit dir hinaus? - Die nächste Nacht klopft es am Kammerladen. »Wer ist da

 

»Der Walse und der Bleß

Kommen in Wind und Regen,

Wollen zu fressen, fressen in ihre kalten Mägen

 

Da fuhr der Peter in Verzweiflung aus dem Bett, schlug die Hände überm Kopf zusammen und rief: »Ach mein! ach mein! soll ich die Toten füttern und hab' doch bald für die Lebendigen nichts mehr Das erbarmte die Tiere, sie gingen fort, kamen auch nimmermehr.

 

Anstatt daß der Peter jetzt in sich geschlagen hätte und seinen Frevel gutgemacht, bot er dem Jammer Trutz im Wirtshaus unter lustigen Gesellen. Je mehr sein Weib ihn schalt und lamentierte, um desto weniger schmeckt's ihm daheim; er machte dabei Schulden, kein General hätt' sich dran schämen dürfen, und bald kam es so weit, daß man ihm Haus und Gut verkaufte. Jetzt mußte er taglöhnen, und auch sein armes Weib spann fremder Leute Faden. Der Frieder aber, der saß richtig vor dem Dorf, hielt einen Stecken in der Hand und wartete der Ziegen oder band Besenreis auf den Verkauf.

 

Drei Jahre waren so vergangen, begab sich's einmal wieder, daß der König das Wildschwein jagte, und war auch die Königin diesmal dabei. Weil es aber Winterszeit war und sehr kalt, wollten die Herrschaften das Mittagsmahl nicht gern im Freien nehmen, sondern die königlichen Köche machten ein Essen fertig im Greifenwirtshaus, und speiste man im obern Saal vergnüglich, dazu die Spielleute bliesen. Das Volk aber stund auf der Gasse, zu horchen. Als nunmehr nach der Tafel die Pferde wieder vorgeführt wurden und man auch das Leibroß der Königin zäumte, stund vornean der Ziegenbub, der sprach gar keck zum Reitknecht hin: »das Roß ist meines Vaters Roß, daß Ihr's nur wißt Da lachte alles Volk laut auf; der Braune aber wieherte dreimal für Freuden und strich mit seinem Kopf an Frieders Achsel auf und nieder. Dies alles sah und hörte die Königin vom Fenster hochverwundert und sagt' es gleich ihrem Gemahl. Derselbe läßt den Ziegenbuben rufen und dieser tritt bescheidentlich, doch munter, in den Saal mit Backen rosenrot, und war er auch sonst ein sauberer Bursche mit lachenden Augen, ging aber barfuß. Red't ihn der König an: »du sagtest ja, das schöne Pferd da unten wär' deines Vaters, nicht »Und ist auch wahr, Herr, mit Respekt zu melden »Wie willst du das beweisen, Bursch »Ich will es wohl, wenn Ihr's vergönnt. Den Reitknecht hört' ich rühmen, das Roß ließe niemand aufsitzen, außer die Königin, der es gehöre. Nun sollt Ihr aber sehn, ob mir's nicht stille hält und nachläuft, wenn ich ihm Hansel rufe: darnach mögt Ihr denn richten, ob ich die Wahrheit sprach Der König schwieg ein Weilchen, sprach dann zu einem seiner Leute: »bringt mir drei wackre Männer aus der Gemeine her, damit wir hören, was sie dem Knaben zeugen Als nun die Männer kamen und über das Pferd gefragt wurden, so fiel ihr Ausspruch nicht zu Frieders Gunsten aus. Da tät der Knabe seinen Mund selbst auf und hub an., treu und einfältig die Geschichte vom Engel zu erzählen, wie er den Hansel entführte, auch wie er ihm unlängst wieder erschienen sei und ihm die unsichtbare Wiese gezeigt habe, welche den Hansel so stattlich gemacht. Darüber waren freilich die Anwesenden hoch erstaunt, etliche blickten schelmisch, allein die Königin sagte: »gewiß, das ist ein frommer Sohn und steht ihm die Wahrheit an der Stirn geschrieben Der König selber schien dem Buben wohlgesinnt, doch, weil er guter Laune war, sprach er: »das Probstück wollen wir ihm nicht erlassen Hiermit rief er den Frieder an ein Seitenfenster, das nach dem Freien ging auf einen Grasplatz, weit und flach, in dessen Mitte stund ein großer Nußbaum, wohl hundert Schritt vom Haus; es lag aber alles dicht überschneit, denn es im Christmond war. »Du siehst«, sagte der König, »die große Wiese hier »O ja, warum denn nicht«, rief ein Hofmann, des Königs Spaßmacher, halblaut dazwischen: »es ist zwar eine von den unsichtbaren, denn sie ist über und über mit Schnee zugedeckt Die Hofleute lachten; der König aber sprach zum Knaben: »laß dich ein 1oses Maul nicht irren! Schau, du sollst mir auf dem Hansel einen Ring rund um den Nußbaum in den Schnee hier reiten, und wenn es gut abläuft, soll aller Boden innerhalb des Rings dein eigen sein Da freuten sich die Schranzen, meinend, es gäbe einen rechten Schnack; der Frieder wurde aber so freundlich, daß er die weißen Zähne nicht wieder unterbringen konnte. Das Roß ward vorgeführt (nachdem man ihm zuvor den goldnen Frauensattel abgenommen), es jauchzte hellauf, und alles Volk mit ihm, und Frieder saß oben mit einem Schwung. Erst ritt er langsam bis zur Wiese vor, hielt an, und maß mit dem Aug nach allen Seiten den Abstand vom Baum, dann setzt' er den Hansel in Trab und endlich in gestreckten Lauf, das ging wie geblasen und war es eine Lust ihm zuzusehen, wie sicher und wie leicht der Bursche saß. Er war aber nicht dumm und nahm den Kreis so weit als er nur konnte; gleichwohl lief derselbe am Ende so schön zusammen, als wär' er mit dem Zirkel gemacht. Mit Freudengeschrei ward der Frieder empfangen, im Nu saß er ab, küßte den Hansel auf den Mund und der König am Fenster winkt' ihm herauf in den Saal. »Du hast«, sprach er zu ihm, »dein Probstück wohl gemacht; die Wiese ist dein. Den Hansel anbelangend, den kann ich dir nicht wiedergeben: ich hab' ihn meiner Königin geschenkt; soll aber dein Schade nicht sein Mit diesen Worten drückte er ihm ein Beutelein in die Hand, gespickt voll Dublonen. Des war der Knabe sehr zufrieden, zumal die Königin hinzusetzte: er möge alle Jahr zur Stadt kommen, in ihrem Schloß vorsprechen und den Hansel besuchen. »Ja«, rief der Frieder, »und da bring' ich Euch zur Kirchweih' allemal ein Säcklein grüne Nüss' vom Baum »Bleib' es dabei sagte die Königin; so schieden sie. Der Frieder lief heim durch all das Volksgewühl und Gejubel hindurch, zu seinen Eltern. Der Peter hatte den Ritt von weitem heimlich mit angesehen, und jetzt tat er in seinem Herzen ein Gelübde - ich brauche ja wohl nicht zu sagen, worin das bestand. Genug, der Hansel und der Frieder hatten ihm wieder auf einen grünen Zweig geholfen: er wurde ein braver, ehrsamer Mann, dazu ein reicher, der einen noch reichern Sohn hinterließ. Seit dieser Zeit hat sich im ganzen Dorf kein Mensch an einem Tier mehr versündigt.

Montag, 2. Februar 2009

Vier feine Freunde

Auf dem Felde dicht hinter der Gartenhecke liegt die Mergelgrube.

 

Sie besteht aus einem großen, tiefen Loch, dessen Boden mit garstigem, hellgelbem Wasser bedeckt ist. Auf den Böschungen wächst nacktes, fahles Gras; und von den großen und kleinen Steinen, die dort liegen, löst sich von Zeit zu Zeit der eine oder andere und plumpst klatschend ins Wasser hinab.

 

Über den Abhang, der dem Garten zugekehrt ist, läßt ein Haselnußstrauch seine Zweige herabhängen. Sie reichen so weit über die Grube, daß die Knaben nie an die Nüsse an der Spitze der Zweige heran können, sondern sich darein finden müssen, daß die runden braunen Burschen jeden Herbst in die Mergelgrube hinabfallen.

 

Wenn die Sonne so recht glühend herniederbrennt, dann kommt wohl vom Felde eine durstige Kuh und hält ihren großen, gehörnten Kopf über den Rand und brummt, weil sie nicht an das Wasser gelangen und trinken kann, und dann geht sie wieder ihrer Wege. Sonst ist's immer still an der Mergelgrube.

 

Aber im vorigen Sommer trafen sich ganz oben auf dem Abhang unter der Haselnußhecke jeden Abend bei Sonnenuntergang vier feine Freunde.

 

Eine seltsame Freundschaft verband sie, denn jeden Abend waren sie nahe daran, einander aufzufressen. Und doch vertrugen sie sich schließlich immer wieder und plauderten eine halbe Stunde vernünftig zusammen.

 

Da war zunächst die Uferschwalbe. Sie hatte ihr Nest tief in dem Abhang. Dicht unterm Rande, mitten in dem gelben Steinschutt, war ein schwarzes Loch, das war die Tür zur Wohnung. Hatte die Schwalbe sich für den Tag fertig gemacht, so saß sie gern ein wenig draußen, ruhte ihre langen, spitzen Flügel aus und starrte in die Welt.

 

Der zweite der vier Freunde war der Nachtfalter, ein großer grauer Geselle mit vier weichen, wolligen Flügeln. Er schwebte in ewiger Angst vor der Schwalbe. Den ganzen Tag saß er mit zusammengelegten Flügeln tief unter einem großen Huflattichblatt versteckt. Denn seine Arbeitszeit war die Nacht; erst wenn es dunkel wurde, flog er aus, aber nie bevor die Schwalbe gute Nacht gesagt hatte und in ihr Haus gekrochen war.

 

Der dritte im Bunde war eine muntere kleine Waldmaus. Ganz braun war sie, und sie hatte kluge schwarze Äuglein, sie wohnte tief unten in der Hecke, wo die Wurzeln des Nutzstrauchs sich zu einem regelrechten Netz verflochten. Nacht für Nacht lief sie über die Hecke in den Garten, denn sie war ein Nachtschwärmer wie der Nachtfalter.

 

Die Waldmaus hatte große Angst vor dem Igel, und der war just der vierte der Gesellschaft.

 

Nicht weit von dem Mauseloch war ein großer Stein aus der Hecke hervorgerollt, und unter ihm hatte der Igel sich seine Höhle eingerichtet. Er schlief den ganzen Tag und wachte, wie die beiden zuletzt genannten der vier Freunde, erst auf, wenn die Dämmerung hereinbrach. Dann kroch er an der Hecke entlang bis zu dem Pförtchen hin, schlüpfte darunter her in den Garten und verschlang alles, was er erwischen konnte, – Stachelbeeren und abgefallene Äpfel, Schlangen und Kröten, Schnecken, Nüsse, Maikäfer und Mäuse.

 

Wenn sich nun die vier Freunde am Abend trafen, dann waren also der Igel, die Maus und der Nachtfalter im Begriff, ihre Arbeit zu beginnen, während die Schwalbe müde war und zu Bett gehn wollte.

 

»Eigentlich müßte ich dich fressen, Nachtfalter sagte die Schwalbe. »Du bist weich und vielversprechend, aber ich mag heute abend nicht mehr »Auch ich könnte dich bequem verspeisen pfiff die Maus und guckte nach dem Nachtfalter hinauf, der wie Espenlaub zitterte und sich unter seinem Matte verkroch.

 

»Und mir wird es ein Vergnügen sein, euch alle drei zu fressen grunzte der Igel. »Mäusebraten mit Nachtfaltersalat und danach Schwalbenragout. Eine recht schöne Mahlzeit!« Er schnalzte mit der Zunge und klapperte so fürchterlich mit seinen starken Zähnen, daß die Maus und die Schwalbe wie der Blitz in ihren Behausungen verschwanden, während der Nachtfalter sich vor Angst nicht zu lassen wußte. Dem Igel machte die Furcht der drei den größten Spaß; aber bald darauf sagte er gnädig:

 

»Kommt nur ruhig hervor! Ich bin augenblicklich nicht zum Fressen aufgelegt. Gestern hab ich drei fette Mäuse und eine leckre junge Lerche verspeist

 

Aber er mußte ihnen lange gut zureden, bis die Schwalbe und die Maus die Köpfe wieder hervorsteckten; der Nachtfalter aber ließ sich nicht aus seinem Versteck herauslocken.

 

»Nun will ich euch etwas sagen erklärte der Igel. »Es sieht heut abend nach Regen aus, und den mag wohl niemand von uns leiden. Was meint ihr dazu, wenn jeder von uns eine Geschichte erzählte

 

»Was für eine Geschichte sollte das sein fragte die Schwalbe.

 

»Eine Geschichte vom Essen erwiderte der Igel. »Etwas Besseres als Essen gibt es nicht auf der Welt, und abgesehen vom Gutessen gibt es nichts so Gemütliches, wie wenn man jemanden eine gute Geschichte vom Essen erzählen hört

 

»Ach Gott seufzte der Nachtfalter.

 

»Was gibt es da zu stöhnen knurrte der Igel.

 

»Es gibt denn doch etwas höheres im Leben als das Essen rief die Schwalbe.

 

Die Maus aber saß da und nagte an einer Nuß, die vor ihr Loch gerollt war, und sie sagte gar nichts.

 

»Ja, du bildest dir was darauf ein, daß du fliegen kannst meinte der Igel. »Aber ich habe es mir nun einmal in den Kopf gesetzt, eine Geschichte vom Essen zu hören; und ich finde, ihr solltet euch mir fügen. Sonst ...«

 

Er schnalzte wieder mit der Zunge und klapperte mit den Zähnen, daß ein Schauder die drei andern überlief.

 

»Gut sagte die Schwalbe. »Dann erzählen wir also. Aber wer soll den Anfang machen

 

»Der Nachtfalter bestimmte der Igel.

 

»Gott rief der Falter.

 

»Bloß nicht zimperlich wie eine alte Jungfer mahnte der Igel. »Du bist dazu ausersehen zu beginnen. Und nun sträub dich nicht

 

»Ja .... das will ich auch nicht sagte der Nachtfalter. »Ich möchte ja gern erzählen, aber...«

 

»Nun?«

 

»Ich esse nie gestand der Nachtfalter kläglich.

 

»Nun brat mir einer 'nen Storch!« rief der Igel.

 

Und die Maus hörte auf zu kauen, die Schwalbe kroch fast ganz aus ihrer Tür hervor und wollte sich den sonderbaren Gesellen ansehen, der nie aß.

 

»Gott behüte sagte die Schwalbe. »Daß das Leben nur zum Essen da wäre, habe ich nie behauptet. Aber überhaupt nicht essen – das ist denn doch wohl übertrieben

 

»Ich finde es unnatürlich bestätigte die Maus und machte sich wieder über ihre Nuß her.

 

»Und ich halte es für eine Lüge erklärte der Igel.

 

»Nein sagte der Nachtfalter. »Eine Lüge ist es nicht

 

»Na, dann erzähl mal, wie sich das verhält gebot der Igel.

 

Und der Nachtfalter erzählte.

Die Geschichte des Nachtfalters.

 

»Einst habe ich wie andere Tiere Nahrung zu mir genommen, und zwar gehörig. Ich glaube, ich habe damals nichts andres getan als gegessen. Aber das ist schon so lange her, daß ich mich kaum mehr darauf besinnen kann. Es war in meiner frühesten Kindheit; ich war damals eine Larve und sah ganz anders aus als jetzt. Eine kleine, weiche Raupe war ich; doch mit jedem Tag wurde ich größer und dicker. Ich kroch auf den Blättern der Bäume umher und fraß sie auf, so daß nur die Rippen übrig blieben.

 

Nach einiger Zeit verpuppte ich mich dann. Ich hatte alle meine sechs Beine wie jetzt .... und meine vier Flügel und meine Augen und Fühlhörner; aber sie waren fest an meinen Körper angekleistert, ich war ganz mit Firnis überzogen und hart und glatt, und bewegen konnte ich mich gar nicht. Ich aß und trank nicht, sondern baumelte an einem dünnen Fädchen unter einem Zweig. Das war die ruhigste Zeit meines Lebens. Ich hatte weder Sorgen noch Pflichten, hing bloß in meinem Puppengehäuse da und träumte.

 

Aber eines abends zersprang die Hülle, und ich merkte, daß ich meine Leine und Flügel ausstrecken konnte. Als ich eine Weile gesessen und mich gesammelt hatte, flog ich in die schöne, stille Nacht hinaus. Die Vögel rings auf den Sträuchern schliefen, drum konnte mir niemand etwas zuleide tun. Und selbst wenn einer Böses gegen mich im Schilde geführt hätte, so hätte er mich doch nicht sehen können. Denn ich bin dunkel wie die Finsternis, die ich durchfliege. sobald die Sonne aufgeht, verstecke ich mich hier unter dem Huflattichblatt und bleibe da den ganzen Tag sitzen. Erst wenn die Sonne wieder vom Himmel verschwunden ist, die Kirchenglocke den Abend eingeläutet hat und auf den Wiesen der Fuchs braut ... erst dann fliege ich wieder aus.

 

Aber ich raube nicht, wie ihr es tut. Ich mache mir nichts mehr aus dem Essen .... habe kaum Mund oder Magen, um es hineinzutun. Die ganze Nacht fliege ich umher und suche nach guten Stellen, an die ich meine Eier legen kann. Es ist keine Rede davon, daß ich während der kurzen Sommerzeit zu irgend etwas anderem Zeit finde.

 

Da habt ihr meine Geschichte; und wenn sie nicht vom Essen handelt, so kann ich nichts dafür

 

»Nun sagte die Schwalbe, als der Nachtfalter verstummt war, »ich glaube, ich verstehe das. Und ich meine, der Nachtfalter ist ein edles Geschöpf, das über das erbärmliche Streben nach Nahrung und persönlichem Vorteil erhaben ist und sein Leben etwas höherem widmet

 

Aber die Maus schüttelte ihren kleinen Kopf.

 

»Nein sagte sie. »Ich bleibe bei meinem Verfahren, und das Verhalten des Nachtfalters erscheint mir unnatürlich. Daß man für seine Kinder sorgt, kann ich so gut wie kein zweiter verstehn, aber ich stamme aus einem guten Hause, wo wir Geschwister aufs beste gefüttert und verpflegt wurden, bis wir konfirmiert waren und selber unser Brot verdienen konnten. Aber sowohl mein Vater wie meine Mutter aßen doch selber, wie ordentliche Leute es zu tun pflegen, und so will ich es ebenfalls halten, mag auch mein ganzes Nest voller Jungen sein. – Soll ich Ihnen meine aufrichtige Meinung sagen? Ich glaube, der Nachtfalter hat in jungen Jahren zu viel gegessen, und zur Strafe dafür hat der liebe Gott ihm nun den Mund verschlossen

 

»Blödsinn brummte der Igel verdrießlich. »Man kann nie zu viel und zu gut essen! Aber grauenhaft muß es sein, gar nichts essen zu können. Das sieht allerdings beinah wie eine Strafe aus, darin hat die Maus recht. Aber wenn die Sache so zusammenhängt, dann hat die Strafe den Nachtfalter ereilt, weil er während seiner ganzen Larvenzeit dahing und nicht den Mund auftun und zugreifen mochte

 

»Wie denkt er denn selber darüber fragte die Schwalbe.

 

Sie riefen nach ihm, aber er war verschwunden. Während sie von ihm sprachen, war er auf seinen weichen, dunkeln Flügeln in die Nacht hinausgeflogen.

 

»Die Geschichte hat mich hungrig gemacht sagte der Igel »Wir wollen uns die andern Erlebnisse für einen der nächsten Abende vorbehalten.«

 

Er eilte an der Hecke entlang zu dem Pförtchen und schlüpfte in den Garten hinein.

 

»Eine merkwürdige Geschichte sagte die Schwalbe. »Sie liefert Stoff zu allerlei tiefsinnigen Gedanken

 

Damit entfernte sie sich und ging zur Ruhe.

 

»Die Geschichte ist gut und schön sagte die Maus, die sich eine neue Nuß herangeholt hatte. »Aber keine Geschichte in der ganzen weiten Welt soll meine Verdauung stören

 

Am nächsten Abend war die Schwalbe an der Reihe zu erzählen. Aber sie sagte, sie sei zu müde und nicht aufgelegt, Geschichten zu erzählen. Der Igel drohte, sie zu fressen, aber die Schwalbe kroch tief in den Gang hinein, der zu ihrem Nest führte, und rief von drinnen her, so leicht gehe das denn doch nicht.

 

»Ich könnte dich herausgraben sagte der Igel. »Aber das hat Zeit bis auf ein andermal ... Dann erzählt uns also die Maus etwas

 

»Ich habe nicht das geringste zu erzählen pfiff die Maus und schoß in ihr Loch hinab.

 

»Ihr seid mir nette Kollegen grunzte der Igel. »Nachtfalter, kannst du noch eine Geschichte? Aber am liebsten eine, die 'n bißchen lebendiger ist

 

Der Nachtfalter antwortete nicht, sondern flog über dem Huflattichblatt dahin, dicht an des Igels Nase vorbei. Er schwebte auf den weichen, dunkeln Flügeln durch die Luft und verschwand zwischen den Nußbäumen drinnen im Garten. Der Igel knirschte mit den Zähnen und guckte ihm nach, so daß er beinah in die Mergelgrube hinabgerollt wäre.

 

»Wartet nur schalt er und trabte längs der Hecke bis zu dem Gartentörchen hin. »Ich werd euch schon erwischen, und dann erlebt ihr eine andre Geschichte, das könnt ihr mir glauben

 

Es verstrichen mehrere Abende, an denen die vier feinen Freunde fast gar nicht zusammen sprachen. Keiner traute dem andern, und besondere Angst hatten die drei vor dem Igel. Die Schwalbe saß nicht mehr vor ihrer Türe, sondern begab sich immer gleich zu Bett. Der Nachtfalter flog aus, sobald die Schwalbe in ihrer Behausung verschwunden war; und die Maus steckte nicht einmal die Nasenspitze vor ihre Wohnung, bis der Igel weit im Garten war.

 

Aber dann kam eine Regenzeit, Tag für Tag plätscherte es hernieder, und auch des Nachts goß es in Strömen. Die vier Freunde langweilten sich entsetzlich, und eines Abends kamen sie vor lauter Langeweile doch wieder ins Gespräch miteinander.

 

»Das ist eine traurige Bescherung, Kameraden begann der Igel. »Wenn es kein andrer tun will, so werde ich mal eine Geschichte erzählen, und zwar eine, die Hörner und Klauen hat

 

»Wovon handelt sie fragte die Schwalbe.

 

»Vom Essen war die Antwort. »Wie's unsrer Verabredung entspricht. Und eine lustige Geschichte ist's. Ihr Held ist ein Vetter von mir, ein Igel, der hier draußen im Garten auf der andern Seite der Hecke wohnte. Außerdem treten noch vier andre Personen in der Erzählung auf: ein Hund, eine Schnecke, eine Erdbeere und eine Kröte. – Hört zu

 

»Entschuldige unterbrach die Schwalbe. »Du sagst, dein Vetter habe im Garten gewohnt. Ist er vielleicht in eine andere Gegend verzogen

 

»Er ist tot erwiderte der Igel.

 

»Vermutlich aufgefressen worden fragte die Schwalbe wieder, und die Maus lachte laut, während der Nachtfalter unter seinem Huflattichblatt ganz leise lächelte.

 

Der Igel lief zu dem Erdloch der Schwalbe hin und steckte seinen Rüssel hinein. Die Schwalbe zog sich schleunigst in ihre Gemächer zurück, die Maus stolperte über ihre eigenen Beine, so schnell lief sie in das Loch hinab, und der Nachtfalter bekam so große Angst, daß er seine Flügel nicht bewegen konnte.

 

Kurz darauf saß der Igel wieder auf seinem Platze, er ärgerte sich jetzt über seine Heftigkeit, denn er wollte gar zu gern seine Geschichte erzählen. Nach einer Weile steckte die Schwalbe den Kopf wieder aus ihrer Tür, die Maus guckte aus dem Loch heraus, und der Nachtfalter kroch bis an den Rand des Huflattichblattes; denn es regnete immer noch, und sie waren alle gespannt auf die Geschichte.

 

»Nichts für ungut sagte die Schwalbe.

 

»Schön erwiderte der Igel, »Aber ich bitte mir von nun an ein anständiges Benehmen aus, sonst ....«

 

»Erzähl bat die Maus.

 

Und der Igel erzählte.

Die Geschichte des Igels.

 

»Es war im vorigen Sommer. Und meine Mutter hat mir erzählt, daß das der heißeste Sommer war, den sie je erlebt hatte. Die Sonne schien vom Morgen bis zum Abend, von Tag zu Tag und von Woche zu Woche. Es fiel nicht das kleinste Regentröpfchen. Früh morgens verjagte der Wind den Nebel, doch wenn er das vollbracht hatte, war er müde und mochte in der Hitze nichts mehr tun, sondern legte sich geschwinde.

 

Und auch sonst mochte niemand arbeiten. Der Gärtner dehnte sein Mittagsschläfchen auf den halben Tag aus, die Vögel saßen traurig auf den Zweigen und ließen die Köpfe hängen, und der Hund streckte auf dem Weg alle Viere von sich und schnappte mit heraushängender Zunge nach Luft. Von Zeit zu Zeit schloß er das eine Auge und schielte den Weg entlang. Kam eine Fliege und setzte sich auf seine Nase, so schlug er mit dem Schwanz um sich und sagte im Schlafe ›Wuff!‹

 

Dicht bei der Stelle, wo der Hund lag, standen die Erdbeeren. Es waren so viele da, daß man einen großen Teller voll pflücken konnte, wenn man nur die Blätter ein wenig beiseitebog. Auf dünnen Stengeln lagen sie auf der Erde. Die Sonne hatte sie dunkelrot gefärbt, und sie waren alle sehr groß.

 

Aber eine der Beeren war die beste. Die war so rund und so rot, so saftig und so süß wie keine der andern; und sie selber wußte recht gut, wie lecker sie war. An ihrem langen Stengel hatte sie sich bis auf den Weg vorgewagt, und da lag sie nun und leuchtete im Sonnenschein.

 

›Puh! Es ist zum schmelzen!‹ sagte die Erdbeere zu sich selbst. ›Mir ist gar nicht wohl, wenn doch der Gärtner nur bald käme und mich pflückte! wie gut würde so ein kleines Bad in schöner, fetter Sahne tun!‹

 

In diesem Augenblick kam eine große braune, schleimige Kröte auf dem Weg herbeigekrochen, sie machte vor der Erdbeere Halt und starrte sie mit ihren feuchten Augen an.

 

›Uff!‹ sagte die Erdbeere. ›Du bist ja ein unangenehmer Bursche. Was hast du denn da zu gaffen?‹

 

›Nichts, Ew. Gnaden,‹ sagte die Kröte demütig. ›Haben sie nur keine Angst vor mir! Mein Magen ist leider nicht auf Erdbeeren eingerichtet. Ich habe mir bloß die Freiheit genommen, sie mir ein bißchen zu betrachten, sie sehen so wunderschön saftig aus, das ist bei dieser Dürre ein so erfreulicher Anblick. – Gestatten sie, daß ich mich unter Ihren Blättern ein wenig ausruhe?‹

 

Die Erdbeere antwortete nicht; aber die Kröte faßte ihr Schweigen als Zustimmung auf und machte es sich unter den Blättern bequem.

 

›Sie haben wohl nicht zufällig eine kleine Fliege oder eine Schnecke gesehen?‹ fragte sie kurz darauf. ›Soso, nicht? Entschuldigen Sie meine Zudringlichkeit, aber ich bin sehr hungrig.‹

 

›Dummes, garstiges Tier!‹ sagte die Erdbeere.

 

›Ganz recht, ganz recht!‹ erwiderte die Kröte sanft. ›Schön bin ich gewiß nicht, und großer Klugheit kann ich mich auch nicht rühmen. Aber im übrigen bin ich ganz brav und nett und tu keiner Katze etwas zuleide, obwohl alle auf mir herumtreten und mich schelten. – – Aber hören Sie einmal, Ew. Gnaden: hier auf den Wegen treibt sich ein Igel herum. Sonst braucht man ihn am Tage nicht zu fürchten, aber heut habe ich ihn deutlich gehört, er muß also auf den Beinen sein, vielleicht hat ihn jemand aus seiner Höhle vertrieben. So ist es mir nämlich ergangen; ich saß unter einem Stein und schlief, da kam der Gärtner und stieß den Stein mit dem Fuß beiseite, und ich mußte fort. Sollte der Igel kommen, so verraten Sie mich bitte nicht! Seine Zähne sind so scharf, und meine arme Haut ist so weich.‹

 

Die Kröte kroch noch tiefer unter die Blätter hinab, und die Erdbeere hatte keine Zeit zu antworten, denn der Igel kam herbeigetrabt.

 

›Ei, was für eine allerliebste Erdbeere da steht!‹ sagte er und schnalzte vergnügt mit der Zunge. ›Ein rechter Bissen für mich!‹

 

›Pah!‹ rief die Erdbeere. ›Für Leute deines Schlages bin ich nicht bestimmt. Ich soll auf den Tisch der Herrschaft kommen und mit Zucker und Sahne verspeist und mit dem feinsten Sherry hinuntergespült werden. Merk dir das, und mach einen weiten Umweg um mich! Gleich wird der Gärtner kommen und mich pflücken – ich merke es an meinem Stengel; beinah rolle ich von selbst auf die Erde.‹

 

›Ja – guten Morgen!‹ sagte der Igel. ›Das wollen wir erst mal sehen! Nur nicht zu großsprecherisch sein, liebe Jungfer! Aber vorläufig brauchst du keine Angst zu haben. Ich habe doch auch Lebensart und esse keine Erdbeeren auf nüchternen Magen. Erst muß ich mir einen Braten suchen. – Auf Wiedersehen zum Nachtisch!‹

 

Damit ging der Igel.

 

Kaum war er fort, so kam eine große schwarze Schnecke ganz langsam mit ihrem Hause auf dem Rücken herbeigeglitten. Ihre Stielaugen traten hervor, und sie schaute sich neugierig um.

 

›Ach, welch wunderschöne Erdbeere!‹ sagte sie, fächelte mit den Fühlern und kroch näher heran.

 

›Sieh dich um, du schwarze Schnecke! Du verlierst dein Haus!‹ sagte die Erdbeere.

 

›Das will ich nicht hoffen,‹ erwiderte die Schnecke, ›denn ich habe meinen ganzen Magen darin, und ich habe gerade Verwendung für ihn.‹

 

Sie biß in die Erdbeere hinein, und diese schrie laut:

 

›Ach, du mein Gott, du mein Gott! Soll ich denn wirklich von einer garstigen, gewöhnlichen Schnecke gefressen werden! Ich, die beste aller Beeren auf dem ganzen Beet! Hätte mich doch wenigstens der Igel verzehrt!‹

 

›Ich werde behilflich sein, Ew. Gnaden,‹ sagte die Kröte. ›Sie waren vorhin zwar nicht besonders höflich, aber Sie haben mich doch dem Igel nicht verraten. Eine Liebe ist der andern wert, und außerdem bin ich hungrig.‹

 

Sie bemächtigte sich der Schnecke und begann, sie zu fressen.

 

›Au!‹ schrie die Schnecke.

 

›Au! Au! Au!‹ schrie die Erdbeere. ›Es ist zu spät! Es ist aus mit mir! selbst wenn die Schnecke noch etwas von mir übrig läßt, werde ich doch verworfen oder höchstens von der Frau, die mich pflückt, gegessen werden. Au! Au!‹

 

Die Erdbeere schrie, weil die Schnecke sie aß, und die Schnecke schrie, weil die Kröte sie verzehrte. In dem Erdbeerbeet herrschte ein Höllenlärm.

 

Aber auf einmal begann die Kröte, noch lauter als die beiden andern zu schreien. Es biß sie jemand in die Hinterbeine; und als sie sich umdrehte, schaute sie in die runden, schwarzen Augen des Igels hinein.

 

›Das gefällt mir,‹ sagte er, während er die Beine der Kröte zwischen seinen starken Zähnen zermalmte. ›So soll es sein! Alles muß auf dem Tisch stehn, wenn man kommt: Braten, Zwischengericht, Nachtisch.‹

 

Nachdem er die Kröte verspeist hatte, fraß er die Hälfte der Schnecke, die die Kröte übriggelassen. Und dann fraß er die halbe Erdbeere, die die Schnecke übriggelassen hatte.

 

›Das ist der rechte Lohn für deine Einbildung!‹ meinte der Igel, indem er vergnügt an der leckeren Beere schmatzte. ›Diesmal winkt dir weder Zucker noch Sahne noch Sherry. Mit einem ganz gewöhnlichen Igelmagen mußt du vorliebnehmen.‹

 

Nach dieser Mahlzeit streckte er sich bequem unter den Erdbeerblättern aus und schickte sich an, ein Mittagsschläfchen zu halten.

 

›Ach Gott ja!‹ sagte er. ›Das Leben ist hell und glücklich.‹

 

Und dann schlief er ein

 

Als der Igel schwieg, waren von der Maus nur noch die Haarspitzen um ihr Maul herum zu sehen, von der Schwalbe nur noch ihr Schnabel, und von dem Nachtfalter gar nichts.

 

»Das war eine Geschichte – was sagte der Igel vergnügt.

 

»Entsetzlich sagte der Nachtfalter.

 

»Eine richtige Igelgeschichte sagte die Maus.

 

Die Schwalbe dagegen sagte gar nichts, sondern pfiff ganz leise vor sich hin.

 

»Na, Schwalbe fragte der Igel, »was meinst du denn dazu?«

 

»Die Geschichte hat ja keinen Schluß erwiderte die Schwalbe.

 

»Wie rief der Igel, keinen Schluß

 

»Wo ist der Hund geblieben fragte die Schwalbe.

 

»Der Hund? Der Hund? Es war ja gar kein Hund da

 

»Gewiß. Du hast selber gesagt, es komme ein Hund in der Geschichte vor. Er lag draußen auf dem Wege und schlief mit dem einen Auge

 

»Das ist richtig sagte die Maus. »Ein Hund war dabei

 

»Bestimmt versicherte der Nachtfalter.

 

Der Igel schwieg und knirschte greulich mit den Zähnen.

 

»Ja....« sagte er schließlich. »Allerdings kommt ein Hund in der Geschichte vor. Und ihr könnt sie zu hören kriegen, wenn ihr Lust habt. Aber ich sage euch im voraus, daß ich es nicht recht vertragen kann, von diesem Hund zu reden. Beim bloßen Gedanken an ihn gerate ich in Wut; und ich verliere meine Selbstbeherrschung, wenn ich wütend bin

 

»Ich mache mir nicht das allergeringste aus dem Hund sagte der Nachtfalter erschrocken.

 

Die Maus äußerte sich nicht weiter; die Schwalbe aber kroch ein Ende in ihren Gang hinein und rief von drinnen her:

 

»Heraus mit dem Hund!«

 

»Schön sagte der Igel. Und er erzählte:

 

»Der Lärm auf dem Erdbeerbeet war so groß, daß der Hund auf dem Wege draußen erwachte. Er schüttelte den Kopf und spitzte die Ohren. Und eins zwei drei! war er auf den Beinen.

 

Kaum hatte der Igel die Augen geschlossen, so sagte ihm jemand ›Wuff!‹ ins Ohr. Und da stand der große Hund mit gehobenem Schwanz und aufgerichteten Ohrlappen. Alle die garstigen weißen Zähne grinsten dem zu Tode erschrockenen Igel ins Gesicht.

 

Wuff!‹ bellte der Hund wieder. ›Endlich hab ich dich Räuber, der meinem Herrn die Erdbeeren stiehlt! Nun beiß ich dir den Kopf ab. Wuff! Wuff!‹

 

Der Igel rollte sich zu einer Kugel zusammen, so daß alle Borsten emporstarrten. Als der Hund hinzusprang und biß, heulte er laut auf, das Blut tropfte von seinem Maul hinab. Der Igel sagte nichts, sondern lag still da und zeigte seine Stacheln.

 

›Warte du nur!‹ brummte der Hund. ›Ich werd dir doch schon beikommen!‹

 

Und nun fing er an, den Igel mit seinen Pfoten den Weg entlang vorwärtszurollen, von Zeit zu Zeit heulte er dabei auf, denn seine Pfoten wurden übel zugerichtet. Aber er fuhr fort, den Igel wie eine Kugel vor sich her zu puffen.

 

Schließlich erreichten sie das Ende des langen Ganges, wo sich ein Wasserloch befand. Tief war es nicht, und der Hund konnte bequem darin stehen, der Igel aber nicht. Dahinein rollte der Hund den Igel; und als der Ärmste im Begriff zu ertrinken den Kopf hervorstreckte, um Luft zu schnappen, sprang der Hund hinzu und biß ihn tot

 

Kaum hatte der Igel das letzte Wort ausgesprochen, als er wie ein besessener hinter der Schwalbe herjagte. Doch die war schon tief in ihrem Neste; und die Maus schoß in die Hecke hinein, so schnell sie auf ihren flinken Beinchen vorwärtskam, während der Nachtfalter geschwind ins Dunkel hinausflog.

 

Eines Abends, kurze Zeit nachdem der Igel seine Geschichte erzählt hatte, waren die vier feinen Freunde sämtlich sehr schlechter Laune. Ein jeder saß vor seiner Behausung und schaute mißvergnügt über den Rand der Mergelgrube hin. Keinem von ihnen war wohl zumute, und der Nachtfalter konnte sich kaum auf dem Huflattichblatt festhalten.

 

»Es ist irgend etwas Unangenehmes in der Luft sagte der Igel. »Die Stachelbeeren sind fort, und die schlechten Menschen haben angefangen, die Äpfel zu pflücken, anstatt sie von selber herabfallen zu lassen, so daß ich sie essen könnte

 

»Ob nicht das im Anzuge ist, was die Menschen Winter nennen fragte die Maus.

 

»Ich weiß es nicht erwiderte der Igel. »Ich bin am letzten Mai dieses Jahres geboren, darum hab ich das noch nie erlebt

 

»Ja, ich bin im Juni geboren sagte die Maus, »darum weiß ich auch nichts. – Vielleicht kann der Nachtfalter uns Bescheid geben

 

»Ganz und gar nicht war dessen Antwort.

 

»Aber ich weiß es rief die Schwalbe. »Denn ich bin nicht aus diesem Jahr, müßt ihr wissen. Ich selber hab es freilich nicht gesehn, denn im vorigen Jahr bin ich mit meinen Eltern und Geschwistern nach dem Süden gereist, bevor der Winter kam. Aber der Sperling hat's mir erzählt

 

»Was hat der Sperling erzählt fragte der Igel verdrießlich.

 

»Vom Winter hat er mir erzählt sagte die Schwalbe. »Wenn alle Blätter von den Bäumen abgefallen und alle Blumen verwelkt sind, dann kommt der Winter. Dann sind keine Fliegen in der Luft und keine Mücken, es gibt weder Blumen noch Bienen, keine Frösche auf der Wiese, keine Nüsse .... nichts. Die Sonne scheint nur selten und wärmt nicht. Auf dem Wasser liegt eine harte Rinde, Eis genannt; sie ist so dick, daß der Schnabel keines Vogels sie durchschlagen kann. Und über Wiesen und Felder und über die Bäume im Walde wird eine große Decke gebreitet, die so weich ist, so weich, aber bitterkalt. Das ist der Schnee. So ist der Winter, nun wißt ihr's

 

»Gott behüte meinte der Igel. »Was soll man während der Zeit denn essen

 

»Man kriegt gar nichts zu essen war die Antwort der Schwalbe.

 

»Dann ist es das beste, sich gut zu versorgen, solange noch etwas da ist erklärte der Igel und lief in den Garten hinein.

 

»Ich will doch wirklich heut nacht ein paar Nüsse in meine Speisekammer hinabschaffen sagte die Maus. »Es ist immer gut, wenn man Proviant hat

 

Sie begann auf der Stelle mit der Arbeit. Die Schwalbe saß vor ihrem Nestgang und sah zu.

 

»Du handelst sehr vernünftig, Maus sagte sie. »Ich würde es ebenso machen, habe es aber glücklicherweise nicht nötig. Bald reise ich mit meiner ganzen Familie und allen meinen Freunden weit nach Süden, nach Afrika, wo ewiger Sommer ist. Für mich ist das das Einfachste. Aber was wird der Nachtfalter anfangen

 

»Ich sagte der Angeredete mit matter Stimme. »Ich werde nichts anfangen. Ich verstehe gar nicht, wovon ihr sprecht. Ich habe nichts mit dem Winter zu schaffen

 

Nach diesen Worten flog der Nachtfalter ins Dunkel hinaus. Aber er war so müde, daß er beinah seine Flügel nicht heben konnte.

 

Die Nacht verstrich, und auch der nächste Tag. Der Wind rüttelte an den Zweigen, die Blätter rieselten auf die Mergelgrube hinab und wiegten sich auf dem gelben Wasser wie winzige Boote. Die Glockenblumen läuteten des Sommers Ende ein und verwelkten sofort. Der Bauer fuhr das letzte Fuder Getreide in die Scheune, und die Dreschmaschine klapperte, so daß es in der ganzen Gegend zu hören war.

 

 

»Uff sagte der Igel am Abend. »Was meint ihr dazu

 

Die Maus und die Schwalbe riefen gleichfalls Uff! Nur der Nachtfalter sagte nichts, denn er war gar nicht dabei.

 

»Vielleicht ist er abgereist meinte die Maus. »Dahin, wo ewiger Sommer herrscht, wie die Schwalbe erzählt hat.«

 

»Der Bursche kommt sicher nicht weit erwiderte die Schwalbe höhnisch. »Dazu sind denn doch andre Flügel nötig, das könnt ihr mir glauben! Aber morgen reise ich

 

»Dann bleiben wir zwei ja allein übrig sagte der Igel und warf der Maus einen grimmigen Blick zu. »Das kann heiter werden. Ich glaube, ich fresse dich einfach auf

 

Die Maus verschwand wie der Blitz, und die Schwalbe desgleichen.

 

»Gott mag wissen, wie die Sache endigen wird meinte der Igel zu sich selbst, während er in den Garten hineintrabte. »Na ... dick und fett bin ich wenigstens, drum werd ich es wohl überstehen

 

Am nächsten Abend war die Schwalbe nicht mehr da.

 

Die Maus seufzte: »Wer doch mit der Schwalbe reisen könnte! Ich sterbe vor Angst, wenn ich an all das Eis und den Schnee denke. Und wie es wohl dem armen Nachtfalter ergangen sein mag?«

 

»Wer weg ist, der ist weg sagte der Igel. »Es hat keinen Zweck, darüber zu trauern. Und du bist die Aller-, Allerniedlichste von allen, mußt du wissen. Komm heraus, und tanz ein bißchen mit mir, du nettes Waldmäuschen! Mich friert. Und nachher können wir zusammen einen Spaziergang in den Garten machen. Ich spendiere Nüsse

 

»Vielen Dank für die freundliche Einladung sagte die Maus zu ihrem Loch hinaus. »Ich fürchte, es würde mir bei dir zu warm werden. Lieber will ich mich in meinem Loch einmauern, bis der Winter vorbei ist. Nüsse hab ich selber genug

 

»Schade, daß du so mißtrauisch bist sagte der Igel. »Aber dann will ich unter die große Strohmiete hinter der Scheune kriechen. Will versuchen zu schlafen

 

Am nächsten Abend flog das letzte gelbe Blatt von der Haselnußhecke auf die Mergelgrube hinab. Die Maus saß vor ihrem Loch und schaute ihm nach.

 

»Ach, Herr Gott sagte sie betrübt. »Nun muß ich also den gestrengen Herrn ganz allein in Empfang nehmen

 

Das kleine Mäuseherz klopfte vor Kummer, und es sehnte sich geradezu nach dem Igel. Aber der kam nicht wieder zum Vorschein; da setzte sich die Maus in ihre Vorratskammer und fing an, ihre Nüsse zu zählen.

 

 

 

Und dann kam der Winter.

 

Er kam nicht anders wie sonst; und die, die ihn erwarteten und kannten, nahmen ihn ruhig und vernünftig entgegen. Der Gärtner band Stroh um seine Rosen und legte Matten auf seine Mistbeete. Die Menschen siedelten aus ihren Landhäusern in die warme Stadt über, sie setzten Doppelfenster ein, legten Teppiche auf die Fußböden, heizten tüchtig und zogen im Freien einen dicken Überrock an. Manche saßen auch fröstelnd in ihren Stuben und starrten den kalten Ofen an, in dem sie kein Feuer anmachen konnten, weil sie kein Brennmaterial hatten, oder sie gingen auf die Straße hinaus, und es fror sie bitterlich, weil sie kein Geld hatten, sich Winterkleider zu kaufen.

 

Aber auf dem großen Kastanienbaum auf dem Hügel tief im Garten saß der Sperling und sang sein trauriges Winterliedlein:

 

»Weg sind nun die Sänger all,

weg die lieben Mücken!

Drossel, Mönch und Nachtigall

Drehten uns den Rücken.

Weg ist Storch, und weg ist Star,

wie's geschieht in jedem Jahr.

Weg, weg, weg,

Weg, weg, weg!

Spatz, den Armen,

Friert's zum Erbarmen

 

Der Buchfink, der daneben saß, die Kohlmeise, die im Haselnußgang umherhüpfte, und die Krähen draußen auf dem Felde, sie alle stimmten mit ein und sangen:

 

»Weg, weg, weg,

Weg, weg, weg!«

 

Für denjenigen, der den Winter nicht aus Erfahrung kannte, mochte er ja besonders schlimm sein.

 

Welch eine Menge Schnee! Er lag auf Feld und Wiese, auf dem Dach des Gehöfts und auf den Zweigen des Haselnußstrauchs, auf dem alten Steinwall und dem Abhang dahinter. Ja, sogar die eine Seite der Fahnenstange war mit Schnee bedeckt, der festfror und sitzen blieb. Und das Wasser gefror zu Eis – das Wasser im Meere und das Wasser im Graben und in der Mergelgrube. Auf dem Abhang, wo sich einst die vier feinen Freunde getroffen hatten, lag nichts als Schnee; nur hier und dort ragte ein welker Grashalm hervor.

 

Und so verging der Winter.

 

Als seine Zeit um war, schlich er nicht etwa still fort wie ein Mann, der in dieser Gegend nichts mehr zu suchen hat und ebenso gut jetzt wie später gehen kann. Er veranstaltete vielmehr einen grauenhaften Lärm mit Sturm und Regen und Brausen und Tosen. Und als alles bereits überstanden war und ein jeder sehen konnte, daß der Winter fort war, kam er doch aus lauter Bosheit in der Nacht zuweilen gelaufen und biß in die grünen Blätter, die in ihrer Leichtgläubigkeit schon aufgesprungen waren.

 

Auf diese Weise brachte er so mancher Anemone den Tod und verschiedenen kleinen Jungen und Mädchen einen gehörigen Schnupfen. Schließlich aber getraute er sich doch nicht mehr wiederzukommen.

 

Eines Morgens steckte die Waldmaus die Nase aus ihrem Loch hinaus und schaute sich um.

 

Frisch und schön wuchs das Gras auf dem Wege. Die grünen Huflattichblätter waren gar nicht mehr so klein, und der Löwenzahn leuchtete so gelb, daß es ein Vergnügen war, ihn anzusehen. Die Glockenblumen standen in der Knospe, während die Haselnußsträucher schon aufgesprungen waren. Es war alles in der schönsten Ordnung.

 

Am Rande des Abhangs erscholl ein lustiges »Titeretit

 

»Guten Tag, Schwalbe rief die Maus. »willkommen daheim! Und einen schönen Sommer wünsch ich! Gibt's was Neues in Afrika? wie ist's dir im Winter ergangen

 

»Guten Tag, Maus erwiderte die Schwalbe. »schönen Sommer wünsch auch ich! Vom Winter habe ich nichts bemerkt, wo ich war, gab es keinen Winter. Ich habe mich auf Palmenzweigen gewiegt, habe schwarzen Menschen etwas vorgesungen und mich Tag für Tag im Sonnenschein getummelt. – Aber wie bist du denn durchgekommen?«

 

»O, ich danke für die Nachfrage. Es ging so einigermaßen

 

»Wo warst du denn

 

»In meinem Loch. Da unten war's ja allerdings ein bißchen langweilig, aber sonst warm und gemütlich. Zum Schluß gingen meine Nußvorräte zwar auf die Neige. Aber in diesem Jahr werd ich klüger sein. Ich fange früh an, für den Winter Proviant zu sammeln, und dann will ich mich doch nach einem netten kleinen Mäusefrauchen umsehen. Natürlich ist's immer teurer, wenn man zu zweien ist; aber es ist auch gemütlicher. Es kommen Kinder, und die Zeit vergeht, ohne daß man weiß, wo sie bleibt

 

»Das mag schon richtig sein, was du da sagst meinte die Schwalbe nachdenklich. »Und das ist ja nun einmal das Gebot der Natur und die Bestimmung aller Geschöpfe. Und doch ist's gar nicht so einfach, eine Familie zu begründen. Nun bin ich da in Afrika ein halbes Jahr frei von allem Kindergetümmel gewesen, und ich bin gar nicht versessen darauf, daß die Sache von neuem anfängt. Aber was ist dabei zu machen? Das liebe Frauchen hat bereits die Eier gelegt, drum nützt es nichts, aufzumucken

 

»Ach! Muß das schön sein sagte die Maus und schaute träumerisch auf das frische grüne Gras.

 

In diesem Augenblick raschelte es in dem welken Laube neben ihnen, und der Igel stand da.

 

»Jesses schrie die Maus und war im Nu in ihrem Loch.

 

Aber dann schämte sie sich, machte kehrt und steckte vorsichtig die Nase wieder in die Luft.

 

»Guten Tag, Igel sagte sie freundlich, »schönen Sommer wünsche ich!«

 

»Schöner Blödsinn entgegnete der Igel mürrisch. »Mir war so, als hätte ich die Stimme der Schwalbe gehört

 

»Ja, ich bin hier sagte die Schwalbe. »Wie ist es dir ergangen? Es hapert wohl mit der guten Laune, was? Du siehst mir auch recht schlottrig aus

 

»Wohl möglich erwiderte der Igel. »Ich habe auch keinen Grund, guter Laune zu sein

 

»Ach was meinte die Schwalbe. »Nun ist es ja Sommer. Wo hast du denn übrigens gesteckt

 

»Ich habe unter der Strohdieme gelegen sagte der Igel.

 

»Den ganzen Winter?«

 

»Allerdings, ich habe meinen Winterschlaf gehalten, weißt du! habe von meinem eigenen Fett gelebt. Anfangs war's recht schön, so immer zu schlafen. Ich träumte von prächtigem Frühstück mit den leckersten Mäusepasteten, grünen Äpfeln, Stachelbeerkompott und lebendigen Maikäfern. Allmählich aber hörten die schönen Träume auf, und schließlich hatte ich fortwährend das Gefühl, als ob mich jemand in meinen Eingeweiden zwickte und zwackte. Jetzt sehne ich mich von Herzen nach einer recht, recht guten Mahlzeit

 

Der Igel setzte sich. Er zitterte an allen Gliedern. Die Haut hing lose um seinen Körper, seine Augen waren ganz matt; und er sah so erschöpft aus, daß die Waldmaus vor Mitleid ihre Angst vergaß und ganz aus ihrem Loch hervorkroch.

 

»Wo ist der Nachtfalter fragte der Igel.

 

Keiner der beiden andern wußte es.

 

»Der ist tot sagte ein schwaches Stimmchen unter dem Huflattichblatt.

 

»Herr Gott! wirklich sagte die Schwalbe. Ja, wir müssen ja alle einmal sterben. – – Aber wer bist du denn? Und woher hast du diese Nachricht

 

»Ich bin die Tochter des Nachtfalters erwiderte die Stimme. »Als Mutter starb, lag ich im Ei. Aber sie flüsterte mir zu, daß ich hierhin fliegen solle, wenn ich erwachsen sei, um ihren drei Freunden zu erzählen, wie es ihr ergangen. Darum hatte sie keine Angst vor dem Winter. Sie wußte, daß sie sterben würde, wenn sie für ihre Eier gesorgt hätte. Sie bat mich, euch auch das zu berichten

 

»Das war schön von ihr, an uns zu denken sagte die Schwalbe und guckte gerührt unter das Huflattichblatt.

 

Die Maus aber lief ganz auf den Weg hinaus und schaute mit glänzenden Augen vom einen zum andern.

 

»Ist das nicht wunderbar schrie sie.

 

»Was ist denn so wunderbar, liebes, hübsches Mäuslein fragte der Igel freundlich und rückte der Maus ein wenig näher.

 

»Es ist wunderbar, wie für uns alle gesorgt ist erklärte die Maus. »Denkt doch einmal daran, wie wir alle vier untergebracht wurden, als der Winter kam. Der Nachtfalter mußte sterben und war so aller Sorgen ledig. Der Igel lag im Halbschlaf unter der Strohdieme und zehrte von seinem Fett. Die Schwalbe floh vor Eis und Schnee und flog in die Ferne, und ich saß warm und behaglich in meinem Nest und lebte von den Nüssen, die ich mir gesammelt hatte. – Ist nicht alles in der Welt äußerst vernünftig eingerichtet?«

 

Die Schwalbe nickte, und die Tochter des Nachtfalters stimmte der Maus zu.

 

»Gewiß sagte auch der Igel und rückte ganz langsam noch näher an die Maus heran. »Gewiß ist das vernünftig eingerichtet. Außerordentlich vernünftig. Das war eine sehr richtige Bemerkung, liebstes Mäuslein. Aber solche Gedanken hat man eben nur im Herbst, wenn man fett und satt ist. In der jetzigen Jahreszeit kommt es darauf an, sich für den Winter zu kräftigen, verstehst du... und das will ich nun tun Dabei packte er das unvorsichtige Mäuslein am Nacken und zermalmte es schnell zwischen seinen starken Zähnen. Die Maus schrie jämmerlich, und der Nachtfalter unter dem Huflattichblatt verging schier vor Angst.

 

Aber die Schwalbe flog mit lautem Geschrei empor. Der eine Flügel traf den Igel, so daß er das Gleichgewicht verlor und den Abhang hinabrollte. Plumps! Das Wasser spritzte auf, und Maus und Igel waren verschwunden.

 

Die Schwalbe saß ganz verwirrt da und starrte in die Grube hinunter, wo sich große, runde Ringe um die Stelle herum bildeten, wo der Igel ertrunken war.

 

»Gott erbarme sich! Wer hätte das gedacht, daß die Freundschaft ein solches Ende nehmen würde sagte die Schwalbe. »Wie gemütlich hatten wir's doch im vorigen Jahr! Und nun sind drei von uns tot

 

Der Nachtfalter sagte nichts, denn er war von sehr zartem Körperbau, und das, was er gesehn, hatte ihn fürchterlich erschüttert. »Ja, – nun bin ich allein übrig von uns vier Freunden sagte die Schwalbe wieder und schaute unter das Huflattichblatt. Gleich darauf hob sie ihre langen Flügel und flog einmal über die Mergelgrube hin. Doch dann kam sie wieder zurück, schoß wie ein Pfeil unter das Huflattichblatt und schnappte den Falter.

 

»Entschuldige sagte sie höflich, »wärest du deine Mutter gewesen, so wäre es mir nie eingefallen, dich zu fangen. Ich weiß, was man der Freundschaft schuldig ist. Und doch ist etwas wahres an dem, was der Igel gepredigt hat, daß jeder für sich selber sorgen müsse. Und meine Frau liegt leider auf fünf Eiern und schimpft mich aus, wenn ich ihr kein ordentliches Frühstück bringe

 

Damit schlüpfte die Schwalbe in ihr Haus hinein. Und die Geschichte von den vier feinen Freunden ist aus.

 

 

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