Samstag, 29. November 2008

Das Waldfräulein

Am anderen Morgen in der Frühe, als noch nebelgraue Dämmerung im Walde lag, erwachte Joseph auf seinem harten Lager, hielt seine Morgenmahlzeit zu einem frischen Trunk aus dem Bach, und als die ersten Strahlen der Sonne die Wipfel streiften, setzte er seine Wanderung fort. Sein Ziel war näher, als er dachte, denn da er, dem Laufe des Baches folgend, um eine vorspringende Felsenkuppe bog, schien es licht durch die Stämme und eine kurze Weile später lag vor seinen Augen ein herrliches Wiesenthal, eingeschlossen von sanft ansteigenden Bergwänden. Da er so lange den Anblick reichen, frischen Grüns entbehrt hatte, so däuchte ihn diese blumige Wiesenmulde, durch die der Bach in blanken Bögen dahinging, während ihm plätschernde Quellen von allen Seiten zueilten, ein wahres Paradies. Nun hatte er gefunden, was er suchte, und eilend machte er sich auf den Rückweg. Es gelang ihm, den großen Windbruch mit seinen giftigen Insassen zu vermeiden, und da er nun nicht mehr gezwungen war, in die Irre zu gehen, erreichte er schon nach wenigen Stunden das Dorf auf einem Wege, der gar keine Schwierigkeiten darbot. Dort herrschte große Freude über die geglückte Unternehmung, und am nächsten Morgen in aller Frühe schon zog er mit seinen Kühen zu dem neu entdeckten Paradiese.

 

O, wie die Tiere brüllten, als sie den Duft der frischen Wiesen witterten. Die matten Augen begannen zu glänzen, und obwohl sie durch lange Entbehrung kraftlos und von der weiten Wanderung ermüdet waren, so rannten sie doch ihrem Hirten davon, und bald standen sie alle bis an die Knie in dem frischen Grün und rupften nach Behagen das fette Gras und die saftigen Kräuter. Joseph sah ihnen vergnüglich eine Weile zu, dann ließ er sie unter der Obhut seines getreuen Hundes und wanderte in der Gegend umher, in der Hoffnung, eine Höhle oder sonst einen Unterschlupf zu finden, oder einen Platz, der zur Anlegung einer Hütte geeignet sei. In der Mitte dieses lieblichen Thales war ein kleiner Hügel gelegen wie eine Insel. Auf seinem Gipfel trug er eine mächtige Buche, und unter dieser leuchtete es in rötlichem Schimmer, denn der ganze Hügel war mit wilden Rosenbüschen bedeckt, die tausende von zarten Blüten dem Lichte darboten. Die Büsche mit ihren dornigen Zweigen hielten dort alles umsponnen, nur ein schmaler Pfad führte zu dem Baume empor. Als nun Joseph dort oben stand in den Rosendüften unter der Buche, deren reiner Stamm schimmerte wie mattes Silber, da ward ihm wunderlich zu Mut, denn ihm war immer, als stünde jemand neben ihm, als fühle er den Anhauch eines warmen Menschenleibes. Ein süßes Grauen überlief ihn. Über den Rosen spielten die Schmetterlinge in der Luft, im Sonnenschein standen glänzende Schwebefliegen, und in den Blättern des Baumes säuselte zuweilen ein leichter Wind, daß es klang wie sanfte Musik, gleich dem holden Gesange, den er in der vorletzten Nacht gehört hatte. Dann, wenn der Wind schwieg und wieder Stille herrschte, nur unterbrochen von dem leisen Rieseln der Gewässer, da glaubte er sanfte Atemzüge zu vernehmen, und zuweilen ging es wie ein Seufzer durch die Luft. Da ihm solches diesen lieblichen Ort unheimlich machte, so wanderte er weiter durch das Tal und kam in eine Gegend, wo es durch eine zerklüftete Wand begrenzt wurde und große, herabgestürzte Steinblöcke im Grase lagen. Auf den Vorsprüngen der steilen Felsen hatten sich rankende Gewächse angesiedelt und hingen aus den Spalten hernieder, zarte, grüne Schleier über den grauen Stein hinbreitend, und dort, wo sie am dichtesten, fast bis auf den Boden niederhingen, ward in den Lücken ein tiefes Schwarz sichtbar. Joseph schob die Ranken beiseite und fand den Eingang zu einer geräumigen Höhle, welche Entdeckung er mit Freuden begrüßte. Er schaffte alsbald seine auf dem Rücken und den Hörnern der Kühe mitgebrachten Geräte und Vorräte hinein, bereitete sich ein Lager aus weichem Laub, sammelte Feuerholz in dem benachbarten Walde, griff unter den Steinen des Baches einige stattliche Forellen und war so bald aufs schönste eingerichtet. Er hielt seine Mahlzeit, trieb gegen Abend seine Kühe in diese Gegend zum Melken und saß dann noch eine Weile auf dem Stein vor seiner Höhle, während der Tag langsam in die helle Juninacht hinüberdämmerte. Zu seinen Füßen lag der Hund und ringsum die satten Kühe, behaglich wiederkäuend. Dann, als der Mond groß und rot hinter fernen Tannenzacken emporstieg und die Gewässer lauter durch die Stille der Nacht rauschten, streckte er sich auf sein Lager und entschlief bald süß und sanft. Doch um Mitternacht erwachte er wieder von einem leisen Winseln seines Hundes, das aber sogleich wieder verstummte. Ein apfelartiger Duft nach den Blättern der wilden Rose war in der Höhle verbreitet, vielleicht stand der Wind gerade von dem kleinen Hügel her. Er stützte den Kopf auf und horchte eine Weile. In der Öffnung der Höhle stand die weißliche Junimondnacht, und nichts war vernehmlich als die unablässige Musik der Gewässer oder ein vereinzelter Glockenton, wenn eine Kuh das Haupt bewegte. Schon wollte er sich niederlegen, da vernahm er wieder den wunderbaren Gesang näher und deutlicher als damals, ja, sogar die Worte konnte er verstehen:

 

»Die Rosen blühen im Mondenschein

In der silbernen Juninacht,

Wenn alles schläft – mein Herz allein.

Mein Herz nur pocht und wacht.

 

Die Rosen blühen ohne Zahl

Beisammen froh gesellt,

Die Quellen rieseln und rauschen zu Tal

Selbander in die Welt.

 

Ich weiß eine Blume, die blüht allein

In der stillen Mondennacht,

Wenn alles schläft – mein Herz allein.

Mein Herz nur pocht und wacht

 

Ein holdes Grauen überlief Joseph bei diesem Gesang, und lange noch lauschte er, als er verstummt war. Doch alles blieb still, und über dem vergeblichen Lauschen schlief er endlich ein.

 

Am andern Morgen in der Dämmerung, als er von dem Läuten der weidenden Kühe erwachte, war wieder der Duft nach wilden Rosen das erste, das ihm bemerklich ward, und als er sich aufrichtete, sah er bei dem einfallenden Morgenlichte, daß überall im Umkreise seines Lagers und über ihn hinweg dergleichen zarte Blumen gestreut lagen, und ein verwunderliches Grübeln befiel ihn über diese seltsame und liebliche Tatsache. Und als er nachsann, welch ein Wesen es wohl sei, das seine Einsamkeit teile und sich durch so anmutige Kundgebungen bemerklich mache, da fiel ihm eine Märe ein, die man im Dorf erzählte, und die er, wer weiß wie oft schon, gehört hatte.

 

»Draußen hinter dem Abendberge so erzählte man, »liegt eine wunderschöne Wiese. Dort wohnt das Waldfräulein Hechta in einem Rosenhage. Wenn man dreimal an die schöne Buche klopft, die dort steht, so tritt sie herfür, und wem sie ihre Liebe schenkt, der wird zum Glücklichsten unter den Sterblichen. Denn so er die Probe besteht und dem Fräulein die Treue bewahrt, steigt aus dem Rosenhügel ein prächtiges Schloss empor und er wird herrschen mit ihr über alle Lande weit umher. Aber ringsum in den Wäldern wächst das Irrkraut, und niemand findet vor oder zurück, der sich dort hineinwagt

 

Diese Geschichte ging dem jungen Manne den ganzen Morgen durch den Kopf, und unablässig sah er von ferne nach dem kleinen Hügel hinüber. Dorthin zog es ihn mit sehnsüchtiger Gewalt, und dennoch hielt ihn wieder eine bange Scheu zurück. Endlich um die Mittagszeit konnte er diesem seltsamen Drange nicht mehr widerstehen und immer näher kam er dem Orte seiner Sehnsucht. Die Sonne glühte am wolkenlosen Himmel und kein Grashalm regte sich. Verschlafen rieselten die Quellen über den steinigen Grund, und der Bach murmelte und rauschte wie im Traum. In dem Wipfel der Buche, die mit blanken, glänzenden Blättern regungslos dastand und ihre flachen Zweige wie Hände offen hielt, um den Sonnenschein aufzunehmen, saß ein Pirol und ließ unablässig seine flötenden Rufe ertönen; es war, als riefe er lockend zu unsäglichem Glücke. Joseph stieg langsam den Pfad zwischen den Rosen empor und stand nun vor dem silbergrauen Stamm der schönen Buche. Ihn schauderte, denn wie ein zitternder Seufzer der Erwartung hauchte es wieder durch die Luft.

 

Sein Herz pochte, daß er es zu hören glaubte, als er nun den Zeigefinger krümmte und langsam die Hand erhob. Eine Weile schwebte sie zögernd, dann in raschem Entschluss klopfte er dreimal leicht an den Stamm, Da ging es wie ein leichtes, silbernes Lachen durch die Luft, wie ein Lachen der Erlösung, und ihm war, als höre er auf der anderen Seite des Baumes ein sanftes Geräusch. Als er sich zögernd dorthin wandte, sah er auf dem Stein unter der Buche eine helle, weibliche Gestalt sitzen, so schön, daß er bis ins Herz hinein erschrak. Sie erhob sich, das lange Haar von der Farbe des roten Goldes wallte zurück, und mit einer Gebärde lieblicher Hoheit streckte sie ihm die Hand entgegen.

 

»Sei mir gegrüßt. Holder sagte sie; »du bliebst gar lange.«

 

Joseph wagte es kaum, diese rosendurchschimmerte Lilienhand zu ergreifen, und stand stumm und hölzern vor der wunderbaren Schönheit dieses Weibes. Sie war gekleidet in ein weißes, sich anschmiegendes Gewand, darin blühende Ranken wilder Rosen in zarten Farben eingewebt waren, aber lieblicher noch als jenes Weiß schimmerten die schönen Arme, der wohlgerundete Nacken und das blühende Antlitz.

 

Als nun Joseph so Hand in Hand mit ihr dastand und ihm die Purpurröte ins Gesicht stieg über dies liebliche Abenteuer, da ging ein sanftes Lächeln über das Antlitz des Waldfräuleins und die Schöne sprach: »Warum küssest du mich nicht, da du doch der Rechte bist? Ach, wie lange schon wart' ich dein!«

 

Damit legte sie den Kopf an seine Brust und sah vertraulich zu ihm empor. Und der Blick dieser Augen, die bald im dunkelsten Blau des Himmels, bald in jenem herrlichen Grün leuchteten, das der bewegten See im Sonnenschein eigen ist, berauschte Joseph, daß er sich, seine Scheu vergessend, zu den so lieblich dargebotenen Lippen niederbeugte. Und der Pirol im Wipfel der schönen Buche erhob noch einmal seinen Jubelruf, dann schwang er sich auf und zog, goldglänzend im Schein der Sonne, zum Walde hinüber.

Freitag, 28. November 2008

Die Wanderung

Es war noch früh am Tag, als Joseph wieder in den Lindenhof zurückkehrte, deshalb packte er schnell sein Bündel und beschloss, noch an demselben Tag aufzubrechen, denn je eher er eine Weide für die darbenden Kühe fand, desto besser war es. Er nahm Abschied von seinen Eltern und wanderte auf dem nächsten Wege dem Gebirge zu. Als er auf der Brücke über den Bach schritt, saß da unten auf einem großen Steine der Mühlenhannes, ließ sich die Sonne auf seinen wirren Haarschopf scheinen und brüllte sein sonderbares Lied:

 

»Das Haar wie Feuer,

Der Leib wie Schnee,

Und die Augen so grün wie Glas ...«

 

sang er gerade, als Joseph vorüber kam.

 

Da der Verrückte nun sah, daß jener mit einem Bündel auf dem Rücken dem Abendberge zuwanderte, so unterbrach er sich und rief: »Glück auf, Glück auf! Und grüß den alten Uhu Dann lachte er so grässlich, daß Joseph, von Schauer erfüllt, schneller ausschritt.

 

Im Walde war es schwül und still, und ein Duft nach Harz und vertrockneten Pflanzen herrschte überall. Das Gras am Boden war versengt, die Kräuter ließen die Blätter hängen, und die kleinen Wäldchen von Heidelbeeren und jung aufgeschossenen Bäumchen, die die großen, moosigen Felsblöcke bedeckten, begannen zu verdorren. Je weiter Joseph den Berg hinanwanderte, desto wilder ward die Gegend, desto mächtiger die verstreuten Felsblöcke, und desto gewaltiger die Bäume. Es waren meist Edeltannen, zuweilen aber standen dazwischen große Horste uralter Eiben von unbeschreiblich ehrwürdigem Aussehen.

 

Als er schon über eine Stunde bergauf gestiegen war, sah er etwas Dunkles, Mächtiges zwischen den Tannenstämmen ragen, und beim Näher kommen fand er eine uralte, turmdicke Eiche, die mit der ungeheuren Wölbung ihrer laubigen Kuppel einen ebenen, runden Platz beschattete. Rings um diesen Platz standen im Kreise, wie von Menschenhand geordnet, Felsblöcke in regelmäßigen Entfernungen voneinander, und unter der alten Eiche, dicht am Stamm, lag ein großer Stein, in dessen Oberfläche sich einige Vertiefungen und Rinnen befanden. Gerade über diesem hatte der riesige Baum eine Höhlung wie eine Altarnische, und plötzlich schrak Joseph heftig zusammen, denn in dieser Höhlung saß ein ungeheurer Uhu und blickte mit großen, runden Augen ruhig auf ihn hin. Als nun der junge Mann, dem es an diesem düstern Orte mit seinem feierlichen Schweigen gar nicht geheuer war, eilend vorüberschritt, drehte das stolze Tier langsam den Kopf und folgte ihm mit den Augen, bis er hinter den Felsen verschwunden war. Joseph sah nach dem Stande der Sonne und schritt rüstig weiter, bis er plötzlich durch ein leises, seines Winseln zu seinen Füßen erschreckt wurde. Er stand und blickte zu Boden, konnte aber nichts bemerken als ein seltsames Kraut, das mit seinen langen Ranken gleichsam wie suchend durch das Moos hinirrte. Er setzte den Fuß weiter und war eben im Begriff, wieder auf eine solche Ranke zu treten, als er nochmals das seine Winseln hörte und zu seinem Schrecken bemerkte, daß die Ranke sich wie ein lebendes Wesen vor seinem Fußtritt zurückzog. Er machte einen Satz, um aus dem Bereich dieser unheimlichen Pflanze zu gelangen, und wanderte unverdrossen weiter in dem verwunschenen Walde.

 

Bäume und Felsen, Felsen und Bäume, immer dasselbe. Und merkwürdig eben war die Gegend geworden, nirgends sah er einen Hang emporsteigen, wie vorhin, da er doch stetig aufwärts geschritten war. Felsen und Bäume, Bäume und Felsen; sie waren sich alle so merkwürdig ähnlich. So wanderte er wohl eine Stunde, da sah er plötzlich etwas Dunkles, Mächtiges zwischen den Tannenstämmen ragen, und als er näher kam, fand er dieselbe uralte Eiche, die er vorhin schon gesehen hatte. Voll Grauen rannte er vorüber, der alte Uhu drehte langsam den Kopf und sah ihm ruhig nach.

 

Aus dem Bereich dieser schauerlichen Gegend gelangt, setzte er sich auf einen Stein, und die Schrecken der Einsamkeit kamen über ihn. Herr Picus hatte ihn betrogen, denn der Farnsamen half ihm nichts. Nun suchte er nach dem Päckchen in allen Taschen mit steigender Angst und konnte es nicht finden. Endlich kam es ihm zwischen die Finger, allein was nützte es, daß er das Mittel bei sich trug, wenn es doch nichts half!

 

Nun galt es, wieder herauszukommen aus diesem verwünschten Walde, und das erschien ihm gar nicht so schwer, denn den Herweg hatte er sich gut gemerkt. Dann wollte er Herrn Picus wohl zur Rede stellen.

 

Er sah nach dem Stande der Sonne und machte sich auf den Rückweg. Aber sonderbar, der Boden senkte sich nirgends talwärts, es blieb alles eben, und die Zeichen, die er sich beim Aufstieg gemerkt hatte, fand er nicht wieder. Überall nur Felsen und Bäume, Bäume und Felsen, einer wie der andere, und ehe er es sich versah, war er wieder bei der alten Eiche. Er rannte schaudernd vorüber; der alte Uhu blickte ihm nach wie vorhin. Nun war ihm, als höre er weit in der Ferne das schauderhafte Gelächter des Mühlenhannes, und ganz leise und dumpf seinen Zuruf: »Glück auf. Glück auf! Und grüß den alten Uhu

 

Er sank wieder auf denselben Stein, und die Verzweiflung überkam ihn. Noch einmal zog er das Päckchen hervor und betrachtete es. Es stand nichts darauf, als ein sonderbares, magisches Zeichen wie eine Vogelklaue und das Wort »Farnsamen« in zierlichen Schriftzügen. Endlich verfiel er darauf, es zu öffnen. Er fand darin ein reines bräunlichgelbes Pulver und wollte das Pergament schon wieder schließen, als er bemerkte, daß auf der Innenseite auch etwas geschrieben war. Unter demselben Zeichen einer Vogelklaue, wie draußen, stand dort ebenfalls: »Farnsamen«, und dahinter noch etwas: »So du davon in deine Schuhe tust, ist gut gegen die Irrwurz

 

Wie eine Last fiel es ihm plötzlich von der Seele, und zugleich erinnerte er sich, daß Herr Picus nicht allein gesagt hatte: »Wer Farnsamen bei sich trägt sondern hinzugefügt hatte, »in seinen Schuhen.« Doch das war ihm ganz entfallen. Nun streute er ein wenig von dem Pulver in diese hinein und machte sich erneuten Mutes auf die Wanderschaft.

 

Jetzt war es anders denn vorhin. Klar und deutlich lag der Weg vor ihm, der zur Höhe führte, und seine Füße wandelten von selber den richtigen Pfad. Als er fast die Höhe des Bergrückens erreicht hatte, der sich zur Seite zu dem mit gewaltigen Felstrümmern besäten Gipfel des Abendberges auftürmte, fiel ihm auf, daß der Boden grüner wurde, und die Kräuter frisch und üppig dastanden. Hier war offenbar der Regen nicht ganz ausgeblieben. Nach einer Weile ward es licht vor ihm zwischen den Bäumen, und zugleich vernahm er ein Hämmern und Pochen unzähliger Spechte, sowie die schrillen Rufe dieser Vögel. Dann trat er hinaus auf eine Stelle grausiger Verwüstung. Hier war vor Jahren ein Wirbelsturm durch den Wald gegangen und hatte einen breiten Streifen vollständig niedergelegt, nur einige wenige jüngere Bäume mit zerzausten Wipfeln waren stehen geblieben. Aber die alten Riesen lagen alle am Boden, wild durcheinander ihre verdorrten Wipfel mischend. Sie waren mit ihren gewaltigen Wurzeltellern einfach umgekantet wie riesige Leuchter und hatten den ganzen Boden in ihrem Umkreis mit emporgenommen; sogar einzelne mächtige Felsblöcke hingen an diesen senkrecht hoch stehenden Erdwänden, von dem Geflecht der Wurzeln fest umklammert. Aus dem also freigelegten Boden war ein üppiges Gewirr von Himbeersträuchern, hohem Gras und den verschiedensten Kräutern emporgeschossen, insonderheit der giftige Fingerhut stand dort in ganzen Wäldern und leuchtete mit roten und gelblich weißen Blüten überall hervor.

 

Ehe sich Joseph in diese Wildnis hineinwagte, stand er eine Weile und blickte sich um. Die Sonne war schon im Sinken, bestrahlte rötlich die vorragende Kuppe des Abendberges und säumte die Wipfel des ringsum aus der Ferne dämmernden Waldes mit Gold. Und in dieser Abendstille war es ihm, als vernehme er das unsägliche, mannigfache Knirschen und Wirken der zahllosen Käfer und Holzwürmer, die in den gewaltigen Baumleichen unablässig tätig waren. Jedoch übertönt wurden diese leisen Geräusche durch das emsige Trommeln und Hacken der Spechte von allen Arten, die sich wohl an dieser reichbesetzten Tafel aus der ganzen Umgegend zusammengefunden hatten.

 

Dann schritt Joseph weiter und suchte zwischen den haushohen Wänden der Wurzelgeflechte und über die gefallenen Riesenstämme seinen Weg. Nicht weit war er gegangen, da schreckte ihn ein leises, träges Rascheln im Gras, so daß es ihm kalt den Rücken herablief. Er gewahrte den zickzackstreifigen Rücken einer Kreuzotter, die sich langsam entfernte. Nun tastete er mit seinem Stock vor sich her, wie er weiter schritt, und dann raschelte es bald hier, bald da; zuweilen bäumte sich auch solch giftiges Geziefer zischend auf und biss wütend nach dem Stecken. Hier und dort sah er auch derlei hässliches Gewürm an einem freien Fleck zusammengeringelt liegen; sie waren schön, fett und groß und schauten mit bösen Augen auf ihn hin. Er sehnte sich hinaus aus diesem Wirrsal. Dazu war rings ein süßer, schwerer Duft verbreitet nach trockenen Nadeln und Ästen, die den ganzen Tag in der Sonne gebrütet hatten, und nach allerlei wunderlichen Kräutern, deren unbekannte Blüten ihn wie mit Augen anblickten.

 

Plötzlich fuhr er wieder schreckhaft zusammen, denn mit gellendem Geschrei stieg in seiner Nähe ein Schwarzspecht empor und schoss geräuschvoll davon. Und was war das? An der Stelle, wo der Vogel verschwunden war, ging ja Herr Picus in seiner schwarzen Kleidung und mit dem roten Käppchen auf dem Haupte in gebückter Stellung umher, scheinbar emsig nach Kräutern suchend. Schon wollte er ihn freudig anrufen, da blickte er näher zu und sah, es war nur ein seltsam gekrümmter Wurzelstock, über den die roten Blüten des Fingerhutes emporragten.

 

Endlich hatte er dieses Spechtparadies und Otternnest hinter sich und schritt mit erleichtertem Herzen in dem dunkelnden Walde weiter. Er musste daran denken, sich eine Stelle zum Nachtlager zu suchen, aber in der Nähe dieses giftigen Gewürms wäre er um keinen Preis geblieben. Der Boden senkte sich wieder, und Joseph folgte nun dem Lauf eines klaren Baches, der reichlich mit Wasser gefüllt war. Wie köstlich erschien ihm dies üppige Murmeln, Rauschen und Plätschern nach so langer Entbehrung.

 

Die Finsternis lagerte sich zwischen den Stämmen und aus dem fernen Dunkel des Waldes schallte zuweilen schon ein Eulenruf, da fand Joseph einen Ort, der ihm zusagte und wo er zu übernachten gedachte. Hier hielt er seine Abendmahlzeit und stieg dann in einen Baum, wo er sich, so gut es ging, aus abgebrochenen Zweigen ein Lager bereitete.

 

Als es ganz dunkel war, kam der Mond herauf, und seine schimmernden Lichter wandelten durch die Finsternis. Bald hier, bald da glänzte das flimmernde Gewässer des Baches aus der nächtlichen Schwärze. Langsam wanderte der leuchtende Schimmer weiter und glitt über die sprudelnden Fälle, hob hier einen Strahl von flüssigem Silber hervor und ließ dort hundert blitzende Lichter auf bewegter Fläche tanzen. Und in der Stille der Nacht hörte man deutlicher die endlose Musik des Gewässers, das metallene Tönen, das Gurgeln, Rieseln und Plätschern und Klänge wie von silbernen Glöckchen. Doch noch andere Töne vernahm Joseph zu der melodischen Begleitung des Baches. Aus der Ferne der silbernen Nacht kam der Gesang einer schönen weiblichen Stimme, als wäre der Mondschein zu Klang geworden, eine holde, schwermütige Melodie, wie ein sanftes Wiegenlied für die schlafende Natur. Und im Horchen auf diesen Gesang entschlief er endlich.

 

 

Mittwoch, 26. November 2008

Herr Picus

Als sich am frühen Morgen des nächsten Tages der Abendberg wieder in voller Klarheit zeigte, so daß man jegliches Bäumchen und jeden Stein auf seinem Gipfel zählen konnte, und sich der Himmel ebenso glänzend blau über das Tal wölbte wie immer, da packte die alte Bäuerin allerlei Gaben in einen Korb, die sie für geeignet hielt, den Herrn Picus günstig zu stimmen. Da hinein kam ein Häflein Lindenhonig vom vorigen Jahre, weißgelb und schon verzuckert, aber noch von köstlichem Geschmack, dazu eine stattliche Rauchwurst, dergleichen niemand in der ganzen Gegend so wohl gelang als ihr, und ein paar Flaschen vom Besten, der schon zwölf Jahre im Keller lag. Während sie so kramte, fiel ihrem Sohn Joseph ein Ring ins Auge aus gelbem Metall, der auf dem Bord lag. Der war daumsdick, von länglicher Form und so groß, daß man die vier Finger der ganzen Hand hineinstecken konnte. Dieses sonderbare Gerät, dessen Gebrauch niemand im Dorfe zu erklären wusste, hatte er einst unter einem großen Stein gefunden, wo es in alter Zeit wohl jemand verborgen haben musste. Da ihm nun einfiel, daß Herr Picus für derlei seltsame Dinge und Altertümer eine besondere Liebe zeigte und allerlei Steinbeile, bronzene Schwerter und sonstiges altes Gewaffen sorglich aufbewahrte, so legte er auch diesen merkwürdigen Ring mit in den Korb und machte sich auf den Weg. Dieser war sonst gar beschwerlich, denn er führte auf steilen Pfaden über das Gebirge; jetzt aber, da die Bäche fast leer waren, konnte man viel näher und ganz bequem zu dem Wohnorte dieses seltsamen Laboranten kommen durch eine schmale Felsschlucht, die sonst wegen der brausenden Gewässer eines Baches unzugänglich war, desselben, der später das freundliche Tal in seiner ganzen Länge durchfloss.

 

Joseph wanderte aufwärts und stand bald vor der steilen Felswand, aus deren schmaler Schlucht der Bach hervorkam. Hier war es glühend heiß, die Sonne strahlte von dem grauen Felsen zurück, und nichts Lebendiges war zu bemerken als einige Schmetterlinge, die dort lautlos umherflogen. Dazu herrschte Stille ringsum, nur das leise Rieseln der spärlichen Wasserader auf dem Grunde des Baches war vernehmlich.

 

Eine angenehme Kühle umfing ihn, als er in die Schlucht eintrat, und wachsende Dämmerung, je weiter er sich vorwärts bewegte, denn die Wände zu beiden Seiten stiegen mächtig empor, und von oben schaute nur ein schmales Streifchen des blauen Himmels herein. So schritt er eine lange Weile zwischen den feuchten, tropfenden Steinmauern dahin und kletterte über die Felsblöcke immer höher empor, bis es allmählich lichter ward und vor ihm helles Grün im Schein der Sonne glänzte. Er verschnaufte eine Weile und hörte nun vor sich ein schnelles, taktmäßiges Hacken und dazwischen zuweilen den gellen Schrei eines Schwarzspechtes.

 

Der Bach durchströmte hier ein kleines, fast überall von steilen Seitenwänden umgebenes Tal, aus dem zwischen umhergestreuten Felsblöcken einige gewaltige Edeltannen aufgeschossen waren. In einem sonnigen Winkel dieses Thales, wo die mächtige Platte eines aus der Wand vorragenden Felsblockes ein natürliches Dach bildete, hatte sich Herr Picus angesiedelt und sich aus Balkenwerk und Steinen ein wunderliches, aber warmes und wetterdichtes Haus gebaut, in dessen einzigem großen Raum er sicher und behaglich hauste und auf einem gewaltigen steinernen Feuerherde seine mannigfaltigen Elixiere und Kräutertränke kochte.

 

Das emsige Hacken und das Schreien des Schwarzspechtes dauerte fort, als Joseph die unregelmäßigen Steinstufen emporstieg, die aus dem Bette des Baches zu jenem Talgrunde hinaufführten, und schon erblickte er das wunderliche Haus und die vor ihm aufgespeicherten Brennholzvorräte, als sich plötzlich von einem Haufen gelblich-weißer Späne mit gellendem Warnungsgeschrei und großem Geräusch ein Schwarzspecht erhob und die Flucht ergriff. Man sah die rote Kappe des seltsamen Gesellen noch einmal aufleuchten und dann war er verschwunden ob, hinter der großen Edeltanne oder in der schwarzen Türöffnung des Hauses, das blieb zweifelhaft. Dort, wo der Vogel scheinbar gesessen hatte, waren lange, schmale Späne zum Feueranmachen teils sauber aufgeschichtet, teils lagen sie neben einem großen Holzscheit, als seien sie eben erst heruntergehauen worden. Das hatte ja fast den Anschein, als sei das Tier dort mit Holzkleinmachen beschäftigt gewesen. Dem guten Burschen ward etwas wunderlich zu Mut und das Herz klopfte ihm bänglich, als er nun langsam auf das Haus zuschritt. Rings herrschte ein schwerer, narkotischer Duft, denn an einzelnen sonnigen Stellen war der Boden urbar gemacht worden, und allerlei seltsame, aromatische Pflanzen standen dort mit unerhörten Blüten geziert. Aus dem hoch aufgemauerten Schornstein des Hauses kam ein leichter, veilchenfarbiger Rauch und verlor sich allmählich in die Zweige der Edeltannen.

 

Als Joseph in den dämmerigen Raum eintrat, war er zu Anfang geblendet, bald aber erkannte er den Herrn Picus, der sich gerade an dem Feuerherde zu tun machte und neues Holz in die Flammen warf. Aus dem Kessel darüber tönte ein feines, weinerliches Singen und Miauen, das sich gar seltsam anhörte. Herr Picus war ganz schwarz gekleidet und trug auf dem Haupt ein feuerrotes Käppchen, darunter schaute ein pergamentenes Vogelgesicht hervor mit gelben, stechenden Augen und einer langen, spitzen Nase, mit der er, wenn er nach seiner Gewohnheit den Kopf lebhaft bewegte, stets nach irgend etwas zu hacken schien. So warf er nun auch plötzlich den Kopf zu Joseph herum und fragte mit einer hohen, gellenden Stimme:

 

»Nun, was bringst du? Was willst du haben? Denn wenn der Bauer was bringt, will er auch was haben Dann kicherte er, als hätte er den schönsten Witz gemacht, und fuhr fort: »Soll's was sein für den Magen oder für das Herz, gegen die Gicht oder für die Liebe? Es ist alles da, alles da!« rief er und schwenkte seine Hand gegen die Hinterwand seines Zimmers, wo auf Borten unzählige Fläschchen standen von den wunderlichsten Formen, kugelige mit langen Hälsen und vierkantige mit kurzen, bauchige und schlanke, kleine und große. In den einen leuchtete es wie Rubin, in den anderen wie Smaragd, in diesen veilchenblau, in jenen goldgelb.

 

Joseph hob den Deckel von seinem Korbe und sagte:

 

»Meine Mutter schickt hier ein paar Kleinigkeiten und lässt Euch einen schönen Gruß sagen

 

»Weis her, weis her rief Herr Picus eifrig und holte das Honighäflein hervor. »Süße Sachen, süße Sachen murmelte er befriedigt. »Schön, schön Dann hob er die Wurst heraus und fuhr mit seiner Nase darauf los, als wolle er gleich hineinhacken. Er beroch sie mit Kennermiene und rief dann: »Lecker, lecker! Gefällt mir Darauf hielt er eine der Flaschen gegen das Licht und schmunzelte: »Kenn' ich, kenn' ich! Ist von dem alten Und seine spitze Zunge kam hervor und befeuchtete wohlgefällig die schmalen ledernen Lippen. Dann sah er auf dem Grund des Korbes noch etwas schimmern, und dem aufmerksamen Joseph entging es nicht, mit welcher Gier er nach dem Ringe griff und wie seine gelben Augen dabei funkelten. Er nahm ihn, wog heimlich in der Hand seine Schwere und drehte ihn sehr eifrig hin und her; dann suchte er seine Aufregung zu dämpfen und sich ein gleichgültiges Aussehen zu geben. »Danke, danke für das Ringelchen sagte er. »Kann's zwar nicht gebrauchen, aber weil's ein altes Stück ist Und damit legte er ihn scheinbar gleichgültig zu dem übrigen.

 

Joseph nahm ihn sofort wieder an sich und sprach:

 

»Der gehört nicht dazu, der ist wohl nur zufällig in den Korb gekommen

 

Der Alte war aber fest entschlossen, das Stück an sich zu bringen, denn er hatte sofort erkannt, daß es ein so genannter Eidring war aus alter Heidenzeit von dem reinsten Gold und wohl über hundert Taler wert. Er sagte darum in schmeichlerischem Ton:

 

»Söhnchen, Söhnchen, nun sag, was wünschest du von mir? Um den Ring werden wir schon einig

 

»Ihr sollt ihn gern haben, wenn Ihr mir sagt, was ich wissen will erwiderte Joseph, der das begehrte Kleinod fest umschlossen hielt, und dann trug er ihm sein Anliegen vor.

 

Herr Picus fing an, erklecklich zu wimmern, als er vernahm, was der junge Mensch wollte.

 

»Ja, das glaub' ich. Söhnchen, das glaub' ich, Söhnchen! In dem verwunschenen Wald am Abendberg da wachsen die herrlichsten Kräuter der Welt. Wenn da erst jeder ungestraft herumstapfen darf, da würden die anderen Laboranten bald kommen und mir alles fortrupfen und ich hätte das Nachsehen. Dann könnten sie ebenso gute Tränke machen als ich. Ja, ja!«

 

Joseph drehte den Ring in seiner Hand, ließ ihn in der Sonne blitzen und steckte ihn dann langsam in die Tasche. Herr Picus aber geriet in große Unruhe, kraulte sich hinter den Ohren und lief in seinem Zimmer umher, während er mit den Armen schlug, als ob er aufstiegen wollte, und von Zeit zu Zeit, sonderbare Wehrufe ausstieß; dann kramte er zwischen seinen unzähligen Flaschen und schloss endlich eine eisenbeschlagene Truhe auf und wühlte darin längere Zeit. Endlich schien er gefunden zu haben, was er suchte, und näherte sich Joseph wieder.

 

»Es ist nicht um den Ring sagte er, »aber ich hab' dich immer gern gehabt, Söhnchen, und dann dauert mich auch eure Not, dauert mich wirklich. Wenn du schweigen kannst und schwören willst, es nie zu verraten, da will ich dir das Mittel geben. Du brauchst nur deinen Ring in die rechte Hand zu nehmen und zu sagen: ›Ich schwör's!‹«

 

Als Joseph sich hiezu gern bereit erklärte, da öffnete Herr Picus seine Hand, überreichte dem jungen Burschen ein winziges pergamentenes Päckchen und sagte: »Wer Farnsamen bei sich trägt in seinen Schuhen, der ist gefeit gegen das Irrkraut. Und nun gib mir den Ring

Joseph traute dem Alten noch nicht so recht.

 

»Ist es auch wirklich das rechte Mittel fragte er misstrauisch, indem er das unscheinbare Päckchen zwischen den Fingern drehte.

 

»Der Habicht soll mich schlagen, wenn's nicht wahr ist rief Herr Picus, »Gib her, ich schwör's dir auf den Ring.«

 

So wurden denn die beiden Leute handelseins, und Joseph machte sich vergnügt wieder auf den Abstieg, während Herr Picus ebenso vergnügt zurückblieb, seinen goldenen Ring in der Sonne glänzen ließ und zuweilen in ein anhaltendes, vergnügtes Kichern ausbrach.

Dienstag, 25. November 2008

Die Dürre

 

Eines gleichen Frühlings wusste sich niemand im ganzen Dorfe zu erinnern. Seit der Schnee verging, war noch kein einziger Tropfen Regen gefallen; erbarmungslos blank und glänzend stand der Himmel Tag für Tag über den Bergen, und selten nur kam es vor, daß ein schimmerndes Wölkchen versuchte, das öde Blau zu durchschiffen. Es gelangte aber nicht weit, denn schnell ward es dünn und durchsichtig wie ein zarter Schleier und alsbald war es verschwunden, ausgetrunken von der heißen Luft. Der Bach, dessen Rauschen und Brausen um diese Zeit sonst weithin vernommen ward, schlich und rieselte mit ein paar dünnen Wasserfäden durch die sonnigen Steinblöcke, auf denen das Moos vertrocknet war, und bildete an einzelnen Orten stille, glasklare Teiche, in denen die Forellen ängstlich hin und her huschten. Die sonst so ruhelose Sägemühle am unteren Ende des Dorfes war mitten in der Arbeit stehen geblieben, und das wenige Wasser, das noch vorhanden war, plätscherte und tropfte von einer Schaufel des feiernden Rades in die andere. Was war sonst auf den berieselten Bergwiesen zu beiden Seiten des Thales für eine klingende Musik gewesen von lebendigen Quellen, die, in Rinnen und Röhren hin und her geführt und über das üppige Gras geleitet, fröhlich in der Sonne blitzten und alle Zeit noch vermocht hatten, nach getaner Pflicht einen plätschernden Überfluss an den Bach abzuliefern. Aber das wenige Wassergeriesel, das jetzt aus dem so quellenreichen Walde noch hervorkam, ward gleich anfangs von dem durstigen Wiesenboden aufgetrunken; statt des sonst überall so üppigen Grüns war eine fahle Färbung verbreitet, und bis zu dem fast ausgetrockneten Bach gelangte kein Tropfen mehr. Weiter hinauf, wo sich in verschiedenfarbigen Flecken und Streifen die Felder bis an den dunklen Hochwald hinaufzogen, sah es noch schlimmer aus, denn niedrig und dürftig standen die Saaten auf dem sonst so fruchtbaren Boden, und hätte nicht der starke nächtliche Tau des Gebirges sie allezeit ein wenig erquickt, so wären sie wohl ganz vergangen.

Eine trübe Stimmung herrschte im Dorf, und vielleicht noch nie, seitdem es stand, hatten so viel forschende Augen den Himmel gemustert, und noch nie war von den klugen Wetterverständigen so viel prophezeit worden. Aber alles Prophezeien nützte nichts und wurde leider nicht zu Wasser, sondern immer wieder zu Sonnenschein.

Der alte Lindenbauer saß an einem schönen Sonntagnachmittag unter dem Schatten der uralten Linde vor seiner Haustür und trank verdrießlich seinen Schoppen Roten. Neben ihm auf der hölzernen Bank hockte sein Sohn, ein hübscher, zwanzigjähriger Bursche, und flocht an einem Peitschenstiel aus Wacholderzweigen.

Der alte Bauer paffte aus seiner kurzen Stummelpfeife still vor sich hin, blickte in die sonnenflimmernde Landschaft und knurrte nur zuweilen ein wenig. Endlich trank er einen langen Zug, räusperte sich bedächtig und sprach: »Weißt du, Joseph, Verlass ist in diesem verdrehten Jahr auf nichts mehr. Siehst du da wieder den Abendberg, was? Wie war es immer, so lang ich denken kann und wie mir mein Großvater schon erzählt hat? ›Wenn der Abendberg eine Mütze aufsetzt, da gibt's Regen, ehe vierundzwanzig Stunden um sind.‹ Und das kam so sicher wie das Amen in der Kirche. Siehst du, heute hat er sich wieder seine Kappe tief über die Ohren gezogen, aber glaubst du wohl, daß es morgen regnen wird? Gott bewahre, fünfmal hintereinander ist es schon nicht mehr eingetroffen! Die Welt ist konträr geworden

Dann knurrte er wieder ingrimmig, paffte heftig vor sich hin und sah zu, wie die heiße Luft über seinen Feldern zitterte.

Der junge Mensch hatte zu der Rede des Vaters nur genickt, dann sagte er:

»Ja, wenn wir jetzt keinen Regen bekommen, da ist es mit dem Futter zu Ende. Am Erlenbruch da finden die Kühe noch eine Woche was, dann ist es vorbei. Sie lassen alle Tage mehr nach mit der Milch, die Liese steht schon beinahe trocken und war sonst die beste

Der Alte kratzte sich hinter den Ohren und brummte etwas, das wie ein Fluch klang. Dann fuhr der Sohn fort:

»Dort, hinter dem Abendberg, soll schöne Weide sein, genug für hundert Kühe

»Was nützt uns das sagte der Alte verdrießlich. »Aus dem verwünschten Wald ist noch niemand wiedergekommen außer dem Mühlenhannes, und der ist verrückt geworden. Dort wächst das Irrkraut, und wer darauf tritt, der geht in die Irre, bis er verschmachtet

»Aber der Herr Picus warf nun der Sohn ein, »der wandert dort doch überall herum und sammelt seine Kräuter, und es tut ihm nichts. Er hat doch damals den Mühlenhannes gefunden und zurückgeführt. Freilich, den Verstand konnt' er ihm auch nicht wiedergeben

»Ja, Herr Picus sagte der Alte, »der kann mehr als Brot essen. Den wird der Leibhaftige auch wohl in seinem Hauptbuch zu stehen haben

»Herr Picus tut niemand was zuleide erwiderte Joseph. »Mit seinen Kräutertränken hat er schon vielen geholfen, und er verschickt sie weithin, bis ins Holland, sagen die Leute. Soll ich ihn, wenn morgen wieder kein Regen kommt, mal fragen, wie er es macht, daß der verrufene Wald ihm nichts anhaben kann? Wenn er's mir sagt, da suche ich die Wiesen hinter dem Abendberg, und unseren Kühen ist geholfen. Sonst müssen wir sie verkaufen oder sie kommen um

Der Alte wollte nicht heran an diesen Vorschlag, als aber am Abend seine Kühe eingetrieben wurden und er sah, wie ihnen die Hüftknochen hervortraten und alle Rippen zu zählen waren, da brummte er: »Na, kannst es ja mal versuchen mit dem Herrn Picus!«

Montag, 24. November 2008

David

David, Älteste außerbiblische Erwähnung der davidschen Dynastie (um 840 v. Chr.) und war laut dem 1. und dem 2. Buch Samuel der Bibel der zweite König von Israel und Juda nach seinem Vorgänger Saul und lebte um 1.000 v. Chr.

Er gilt auch als der Verfasser zahlreicher Psalmen.

Der junge David wurde als jüngster Sohn Isais in Bethlehem geboren. Bereits als Knabe salbte ihn Samuel zum künftigen König. Bald kam er an den Hof Sauls, was in der Bibel in zwei sich gegenseitig ausschließenden Varianten erzählt wird. In der ersten lässt Saul ihn holen, um sich durch Davids Harfenspiel aufmuntern zu lassen, denn er wurde „durch einen vom Herrn gesandten bösen Geist geplagt“ . Unmittelbar daran schließt sich die bekannte Erzählung vom Sieg über den Riesen Goliath an: Der Hirtenjunge David, der eigentlich nur seinen im Heer dienenden Brüdern Brot und Käse bringen sollte, ertrug die lästerlichen Verhöhnungen des Vorkämpfers der Philister nicht und tötete ihn mit einer einfachen Steinschleuder.

Daraufhin erkundigte sich Saul, wer denn dieser tapfere Junge sei, und ließ ihn an seinen Hof kommen. Die Widersprüchlichkeit der Erzählung wird noch dadurch gesteigert, dass es in weiter heißt, nicht David , sondern ein gewisser Elhanan, der Sohn Jaare-Orgims aus Bethlehem habe Goliath, getötet. In 1 Chr 20,5 heißt es dagegen, dass Elhanan den Bruder, des Goliath, und nicht ihn selbst getötet habe. Am Hof zog David bald die Eifersucht Sauls auf sich, da er als größerer Held erscheint als der König. Saul versuchte daraufhin, ihn zu töten. Der Versuch schlug jedoch fehl und David konnte fliehen, da ihn seine Frau Michal, eine Tochter Sauls, gewarnt hatte. Auch Sauls Sohn Jonathan, mit dem David eng befreundet war, half ihm bei seiner Flucht. David schlug sich als Bandenführer durch und wurde von Saul mit 300.000 auserwählten Soldaten gejagt. In den Höhlen von En Gedi begab sich der König für seine Notdurft zufällig genau in die Höhle, in der sich David und seine Leute versteckt hielten. Doch statt ihn zu ermorden, wie es seine Bande forderte, schnitt David lediglich einen Zipfel des königlichen Gewandes ab. Diesen präsentierte er Saul vor der Höhle als Zeichen seiner Loyalität. Tief gerührt prophezeite ihm der König, dass er dereinst König nach ihm werden würde, und ließ ihn schwören, seinem Geschlecht und Namen kein Leid anzutun. Daraufhin ließ er ihn ziehen. In der Folge verdingte sich David als Lehnsmann bei den Philistern. Während seines Aufenthaltes ging er gegen Räuberbanden in der Wüste vor. Als die Philister gegen Israel rüsteten, verzichteten sie auf die Unterstützung durch David, da sie ihm nicht trauten. David verschonte Saul zum zweiten Mal, als er sich in Sauls Lager schlich und zum Zeichen seiner Überlegenheit nur dessen Spieß und Wasserkrug entwendete. Durch die zweimalige Verschonung Sauls macht der anonyme Verfasser der Erzählung Davids Respekt vor dem Königtum Nord-Israels sinnfällig. Dies erleichterte den nord-israelitischen Stämmen später im Gegenzug auch das Königtum Davids anzuerkennen, welches sich zum Schluss auf Nord- und Südreich erstreckte.

König Saul starb im Kampf gegen die Philister. Mit ihm fiel sein Sohn Jonathan, von dem David später sagte, seine Liebe habe ihm „mehr als Frauenliebe “ bedeutet.

Da es nun keinen Thronfolger mehr gab, wurde David in Hebron zum König über den Südstamm Juda gesalbt. Die Selbstverständlichkeit, mit der eine Spaltung Israels in ein Nord- und ein Südreich schon für Davids Lebenszeit berichtet wird, lässt den Schluss zu, dass diese Zweiteilung, die die Bibel erst für die Zeit nach dem Tode Salomos bezeugt, womöglich wesentlich älter war. Durch politische Schachzüge und die Ausschaltung oder Bindung an sich überging David die Nachkommen Sauls: Er wurde auch zum König über Israel, das allerdings ein selbständiges Königreich blieb. Beide Reiche waren in Personalunion miteinander verbunden. David eroberte nun Jerusalem, das genau auf der Grenze zwischen beiden Teilreichen lag.

Dadurch gehörte die Stadt zu keinem der zwölf Stammesgebiete, sondern gehörte als Krongut dem König allein. Nach der Festigung seiner politischen Macht brachte David die Bundeslade nach Jerusalem, die bis dahin in der Stiftshütte in Silo aufbewahrt worden war, um die dortige Priesterschaft zu schwächen und seine Stadt nun auch zum religiösen Zentrum des Reiches zu machen. David führte eine Reihe von zumeist erfolgreichen Kriegen gegen Israels Nachbarvölker, die zumeist sein Neffe Joab für ihn führte, und schuf so ein Großreich , das im Norden Baalbek und Damaskus, im Osten Moab, im Süden das Gebiet bis zum Roten Meer und im Westen das Land bis zum Mittelmeer umfasst haben soll. Die Eroberung der Philistergebiete an der Küste zwischen Gaza und Jaffa gelang aber nicht. Während eines Feldzugs gegen die Ammoniter schwängerte David Batseba, die Frau von Urija, einem Hethiter, der einer seiner Offiziere war. Anschließend versuchte er, ihren Mann dazu zu bringen, mit seiner Frau zu schlafen, doch dieser lehnte ab – angeblich, weil es sich nicht gehörte, in Kriegszeiten in seinem Haus zu schlafen, doch womöglich durchschaute er auch die Absicht des Königs. Daraufhin befahl David dem Joab in einem von Urija persönlich überbrachten Brief, diesen an die vorderste Front zu stellen, damit er falle. Diesmal ging Davids Plan auf und er heiratete die Witwe. Sie war nach Sauls Tochter Michal, Abigail aus Maon und Ahinoam aus Jesreel, Davids vierte Frau. Der Prophet Nathan drohte ihm dafür Gottes Strafe an, und das Kind Batsebas starb. Trotz seiner Sünde blieb David in der Darstellung der Samuelbücher der Liebling JHWHs, auch wenn ihm zur Strafe verwehrt blieb, den Tempel in Jerusalem zu bauen. Dies blieb dem zweiten Kind vorbehalten, das Batseba dem David gebar, nämlich Salomo. Ein anderer Sohn Davids, Absalom, versuchte seinen Vater zu stürzen, was ihm auch beinahe gelang. Der alte David bestimmte kurz vor seinem Tod auf Rat Batsebas und Nathans anstelle des ehrgeizigen Adonia, Salomo zu seinem Nachfolger und ließ ihn zum König salben. Das David-Bild der Samuel-Bücher ist psychologisch differenziert. Es zeigt Licht -, aber auch Schattenseiten des Helden – Zögern, Zweifeln, Freundschaft, Liebe, Altersbeschwerden, Zorn, Begehren und schwere Schuld. Das ist bei Königserzählungen jener Zeit ohne Beispiel.  

Dass David die in der Bibel dargestellte Machtfülle erreicht hat, wird in der neueren Forschung stark bezweifelt. Aus ägyptischer und assyrischer Perspektive war er zweifellos nur ein Provinzfürst. Die biblische Schilderung seiner und Salomos Regierungszeit als dem Höhepunkt der staatlichen Bedeutung Israels hält literaturwissenschaftlicher und vor allem archäologischer Überprüfung nicht stand. Zur Zeit Davids dürfte Jerusalem nicht mehr als 1.500 Einwohner besessen haben. Von einem Großreich Davids kann angesichts fehlender archäologischer Nachweise und fehlender Erwähnung in den Annalen der anderen damaligen Reiche sicher nicht gesprochen werden. Die biblischen Berichte zeichnen zwar die davidsche und vor allem die salomonische Epoche als eine Idealzeit, doch sind sie selbst deutlich später entstanden. In der Bibelwissenschaft wird heute allgemein angenommen, dass die Samuelbücher in der Zeit des Königs Josias von Juda aus verschiedenen Quellen zusammengestellt wurden. Josias regierte 640 bis 609 v. Chr. und versuchte, seine Herrschaft über das von den Assyrern geräumte Nordreich auszudehnen – die Geschichte vom vereinten Großreich unter David und Salomo wäre in dieser Interpretation interessegeleitete Mythenproduktion und als Geschichtsquelle allenfalls für die Zeit ihrer Entstehung von zuverlässiger Aussagekraft. Im Rückblick späterer Generationen wurde David zu einer Heilsgestalt und zum Hoffnungsbild des kommenden Messias. Dieser musste Nachkomme Davids sein. In letzter Zeit wird von einigen Forschern sogar in Frage gestellt, ob es David je gegeben hat oder ob er nicht wie die Könige Artus oder Agamemnon in das Reich der Sage gehörte. Immerhin ist durch eine erst 1993 gefundene Inschrift aus Tel Dan (vermutlich eine Siegesstele des Hasael von Aram-Damaskus), belegt, dass um 840 v. Chr. die Könige Judas tatsächlich als zum „Haus David “ gehörend betrachtet wurden. Demgegenüber wird aber auf Texte aus der Stadt Mari verwiesen, in denen das Wort dawidum in der Bedeutung Heerführer vorkommt. Demnach könnte David ursprünglich gar kein Personenname, sondern ein Titel gewesen sein. Auch könnte ein Vorfahre der Könige von Juda mit dem Namen David existiert haben, auf den aber später verschiedene Erzählungen im Sinne einer Legendenbildung projiziert wurden, vergleichbar mit Merowech im Falle der Merowinger. Der Stein von Scone der schottischen Könige wird als der Krönungsstein Davids vorgezeigt, was historisch aber als unwahrscheinlich gilt. Auch die armenischen und georgischen Königsdynastien der Bagratiden führten ihre Abstammung auf David zurück.

 

Um das 14. Jahrhundert verbanden jüdische mystische Texte das Hexagramm (den Davidstern ) als Talisman – sowie andere Symbole – mit älteren Darstellungen auf einem Schild, der mit der Macht Gottes verbunden gewesen sein soll und einst König David geschützt haben soll. Seine sieben Teile stehen für die sieben Schöpfungstage in denen Gott die Welt erschaffen hat und die zwölf Kanten des Davidsterns stehen für die zwölf Stämme des Volkes Israel.

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